Über die Gestalt von Freiheit und Demokratie – Tschechien vor dem Scheideweg

Der 17. November ist in Tschechien ein Schicksalstag. Immer wieder wird an jenem Tag Geschichte geschrieben.

Angefangen hat alles mit der Schliessung der tschechischen Hochschulen am 17. November 1939, welche Adolf Hitler angeordnet hatte. Dies war Teil der harschen Reaktion auf eine Studentendemonstration, die im Zusammenhang mit der Beerdigung Jan Opletals stattgefunden hatte. Opletal war einige Tage zuvor einer Schussverletzung erlegen, die er bei der gewaltsamen Niederschlagung einer weiteren Demonstration erlitten hatte. Es kam auch zu Hinrichtungen der mutmasslichen Anführer, sowie einer grossen Verhaftungswelle, die einen nicht unbeachtlichen Teil der Prager Studenten mit voller Wucht traf. Im Gedenken an die Opfer dieser „Sonderaktion Prag“ wurde der 17. November noch während des Zweiten Weltkrieges zum internationalen Tag der Studenten erklärt.

Genau ein halbes Jahrhundert später fand schliesslich erneut ein Ereignis statt, welches die tschechische Geschichte und somit das Leben der Tschechinnen und Tschechen entscheidend beeinflussen sollte. Im Gedenken an die Geschehnisse, die fünfzig Jahre zuvor langfristige Folgen nach sich gezogen hatten, fand eine bewilligte Studentendemonstration statt, an welcher allerdings nicht nur still den Opfern von damals gedacht wurde, sondern auch Parallelen zur gegenwärtigen Situation gezogen wurden. Ein Teil der Demonstranten versammelte sich anschliessend noch zu einem friedlichen Protestzug durch die Innenstadt, auf welchen die Polizei mit voller Gewalt reagierte. Es war ein letzter verzweifelter Versuch des totalitären Regimes, das Unvermeidbare zu vermeiden, denn die Gewalt am Abend des 17. Novembers 1989 löste eine Kettenreaktion aus, die die Kommunistische Diktatur zu Fall bringen und unter dem Namen „Samtene Revolution“ in die Geschichte eingehen sollte.

Aufgrund dieser historischen Begebenheiten ist der 17. November in Tschechien Staatsfeiertag. Der „Tag des Kampfes für Freiheit und Demokratie“ wird von der Bevölkerung auch heute noch wahrgenommen. Es handelt sich um ein willkommenes Datum, um ein politisches Statement abzugeben. Allein dieses Jahr fanden mehr als ein Dutzend Kundgebungen statt.

Doch dieses Jahr sah die Situation anders aus als in denjenigen zuvor. Die öffentliche Diskussion und die Politik wurden von einem einzigen Thema dominiert: den Flüchtlingen. Wer die tschechische Politik über längere Zeit verfolgt hat, kommt nicht darum herum, zu merken, wie sich die Fronten immer mehr verhärten, die Emotionen immer mehr hochkochen. Kein Thema spaltet die Bevölkerung so sehr wie dieses. Der ehemalige Dissident Jan Ruml hat diese Entwicklungen am Jahrestag wie folgt zusammengefasst:

„Die Gesellschaft ist zersplittert, nichts hält sie mehr zusammen. Was uns fehlt, ist eine Stimme aus der politischen Elite, die den Menschen sagt, wie sie sich verhalten sollen. So kann es nicht weitergehen, sonst endet es wie mit der jüdischen Bevölkerung im Nationalsozialismus oder mit den Säuberungen in der Sowjetunion. Vor 26 Jahren haben wir hier für Freiheit, Demokratie, Menschenrechte und einen Rechtsstaat demonstriert. Das alles wird nun von extremistischen Gruppen in Zweifel gezogen. Für die tschechische Gesellschaft sieht das alles sehr schlecht aus.“

Ähnliche Entwicklungen gibt es derzeit überall in Europa, doch in Tschechien scheinen die negativen Reaktionen gegenüber Flüchtlingen noch ausgeprägter zu sein. Irrationale Ängste, übertriebene oder gar unrealistische Vorurteile, oder rechtspopulistisches Gedankengut finden sich in allen politischen Parteien und sozialen Schichten. Besonders erstaunlich ist diese Massenhysterie gerade weil es in Tschechien fast keine Flüchtlinge gibt, sich der Staat weigert, welche aufzunehmen.

Diese Haltung, auch von den staatlichen Institutionen, ist für Aussenstehende schwer nachvollziehbar, auch wenn sie sich teils durch politische, historische oder demografische Entwicklungen herleiten lässt.

Ein Punkt ist derjenige, den Jan Ruml erwähnt hat. Seit dem Tod Václav Havels fehlt der tschechischen Öffentlichkeit eine Identifikationsfigur, die sich von humanistischen und rationalen Grundsätzen leiten lässt und gleichzeitig der Bevölkerung nahesteht und somit eine Vorbildfunktion einnehmen kann. Nur eine solche Person könnte in der gegenwärtigen Hysterie die Bevölkerung wieder auf den Boden der Tatsachen bringen. Doch leider scheinen momentan vor allem diejenigen Politiker die Bevölkerung anzusprechen, die genau diese unkontrollierbaren Reaktionen und Gefühlsausbrüche erst noch richtig in Schwung bringen.

Zudem können die kollektiven Empfindungen durch historische Erfahrungen des 20. Jahrhunderts wie fremdbestimmte Diktaturen und Okkupationen entscheidend beeinflusst werden. So ist die Denkweise besonders der älteren Generationen noch stark durch die Ausgangslage beeinflusst, der sie in jüngeren Jahren begegneten, was zu einem anderen Verständnis von vielen Begriffen des gesellschaftlichen Zusammenlebens führt. Ebenfalls eine Folge der historischen Entwicklungen ist ein mit dem Wiedererreichen der Unabhängigkeit und Selbstbestimmung erneut aufblühendes Nationalbewusstsein, welches auch in anderen postsozialistischen Ländern vorkommt, gerade in Ostmitteleuropa, und welches ein wenig einen Gegensatz zu den sonstigen Entwicklungen unserer Zeit bildet, einer Zeit in welcher Grenzen immer unwichtiger werden und immer mehr in globalen Dimensionen gedacht wird.

Ebenfalls eine nicht zu unterschätzende Bedeutung hat die Zusammensetzung der Bevölkerung. Seit den ethnischen Säuberungen im Zuge des Zweiten Weltkrieges ist die Bevölkerung weitgehend homogen, die Erfahrung mit Immigration vergleichsweise gering. Doch vielleicht ist es eben gerade diese fehlende Erfahrung, das Fehlen von Flüchtlingen, insbesondere Muslimen, das die Situation so problematisch macht. Denn gerade das Unbekannte macht Angst und solange der Flüchtling bloss das Schreckgespenst gefüttert vom Massenmedien, Propaganda und Vorurteilen darstellt, erstaunt es nicht, dass negative Gefühle und Befürchtungen vorherrschen.

Wenn man hingegen über den eigenen Tellerrand hinwegschaut, persönlich Flüchtlingen begegnet und sich mit ihren individuellen Geschichten auseinandersetzt, dann eröffnet sich eine ganz neue Perspektive. Dann nämlich nimmt man die Flüchtlinge nicht mehr als abstrakten Begriff wahr sondern als Menschen. Die Erfahrungen können hierbei ganz vielschichtig sein, so wie bei jeder Gruppe von Menschen. Denn in der Schublade „Flüchtlinge“ finden sich schliesslich auch einfach nur individuelle Persönlichkeiten mit den verschiedensten Interessen und Charakteren. Manche von ihnen werden in Diskussionen Meinungen vertreten, die wir nicht nachvollziehen können, mit anderen teilen wir Leidenschaften und Träume. Manchen würden wir lieber aus dem Weg gehen, mit anderen könnten wir stundenlang über Gott und die Welt diskutieren. Genauso wie es bei allen anderen Menschen ist, denen wir im Laufe unseres Lebens begegnen. Doch dafür müsste man zuallererst seine Ängste überwinden und diesen Menschen begegnen und sie auch als solche wahrnehmen. Es gilt die menschliche Dimension von Krieg, Gewalt, Vertreibung und Migration wahrzunehmen, sich auf individuelle Schicksale einzulassen statt ein Urteil zu fällen, bevor man mit diesen Menschen gesprochen hat. Denn solch vorschnelle Urteile führen einzig dazu, dass die Betroffenen gewissermassen in Sippenhaft genommen werden, man ihnen ihre Individualität verwehrt und sie im Zustand der gleichförmigen Abstraktheit des Begriffs „Flüchtlinge“ stehen lässt.

Doch auch die tschechische Bevölkerung ist längst nicht so gleichförmig, wie dies manchmal zu sein scheint, wenn man als Aussenstehende die Nachrichten liest. Es gibt auch engagierte Tschechinnen und Tschechen, die ehrenamtlich auf dem Balkan den Flüchtlingen helfen, oder die ihre Gedanken zur aktuellen Lage über Blogs und soziale Netzwerke teilen, für Toleranz einstehen, Demonstrationen organisieren, auf die Bedingungen in den Herkunftsländern der Flüchtlinge aufmerksam machen.

Doch leider herrschen insbesondere für Aussenstehende die negativen Nachrichten vor. Nicht nur füllen hasserfüllte Kommentare gegen Menschen auf der Flucht die Kommentarleiste auf Facebook, auch diejenigen, die sich für alle Menschen in Not ungeachtet deren Herkunft einsetzen, werden öfters zur Zielschreibe von Beschimpfungen und Drohungen. Doch auch die tschechischen Behörden standen dieses Jahr wiederholt in Kritik, was die sogenannten Detentionszentren für illegale Migranten betrifft. Mal wurden Berichte veröffentlicht, die an das Dokument „Prison Conditions in Czechoslovakia“ aus den Achtzigerjahren erinnerten, ein anderes Mal wurden Erinnerungen an Praktiken in Nazideutschland wachgerufen.

Und damit nicht genug: Der tschechische Präsident Miloš Zeman macht ebenfalls wiederholt negative Schlagzeilen. Trotz der allgemein bekannten Menschenrechtslage unterhält er ausgezeichnete Beziehungen zu Russland und China und fällt immer wieder durch verbale Entgleisungen auf. Neustens hat er auch die Flüchtlingsthematik aufgegriffen, wobei er sich insbesondere gegenüber Muslimen immer wieder abschätzig äussert, genauso wie gegenüber all denjenigen, die ihm bezüglich dieser Äusserungen Kritik entgegenbringen, da sie die ganze Situation differenzierter wahrnehmen. Insgesamt entsteht der Eindruck, dass sich Zeman bei seinen öffentlichen Auftritten oft seines Amtes unwürdig verhält.

Seine Inszenierung erhielt am 17. November 2015 einen neuen Höhepunkt, als er sich zusammen mit führenden rechtsextremen Politikern an einer Kundgebung präsentierte – Politikern also, die Gewalt und Hass ganz selbstverständlich in ihre Ideologie einfliessen lassen. Besonders bedenklich war, dass diese Demonstration ausgerechnet auf dem Albertov stattfand, auf dem Gelände der Universität, dem Ort der 26 Jahre zuvor den Ausgangspunkt der Studentendemonstration bildete, die den friedlichen Übergang zu einem demokratischen System einleitete. Die Studenten und Hochschulpädagogen hingegen, die an dieser Stelle wie jedes Jahr „ihres“ Jahrestages gedenken wollten, wurden von Polizisten in voller Montur davon abgehalten, das Areal zu betreten. Es waren Bilder, die mehr nach 1989 aussahen, als nach 2015. Begründung: damit sollten gewaltsame Zusammenstösse verhindert werden. Eigentlich ist ein solches Vorgehen in solchen Situationen üblich. Seltsam ist allerdings hier, dass alles mit umgekehrten Vorzeichen geschah. Es regt zum Nachdenken an, dass die Studenten nicht auf das Gelände der Universität gelangen durften, um denjenigen ihrer Vorgänger zu gedenken, die sich an jener Stelle und anderswo versammelt hatten, um sich für Freiheit, Demokratie, Menschenrechte und einen Rechtsstaat einzusetzen, auch wenn man dies damals unter Umständen teuer bezahlen musste, während auf ebendiesem Gelände der Universität unter dem Deckmantel der Meinungs- und Versammlungsfreiheit Hass geschürt wurde – von Menschen, die den Tätern von damals ideologisch teils beängstigend nahestehen.

Ich betrachte Entwicklungen wie diese mit Sorge, da ich mich seit mehr als drei Jahren intensiv mit der Geschichte, Kultur und Sprache dieses Landes beschäftige. Dabei ist mir Tschechien ans Herz gewachsen und mittlerweile verfolge ich, soweit meine Sprachkenntnisse dies zulassen, das dortige Geschehen mit demselben Interesse und derselben Besorgnis, wie ich dies hier in der Schweiz tue. Für mich ist Tschechien das Land, welches eine Tradition des Humanismus hat, die sich auch durch die dunkle Zeit von Verfolgung und Unterdrückung gehalten hat, und trotz alldem immer wieder Freiräume geschaffen hat, in welchen sie weiterbestehen konnte, mochten sie zeitweise noch so klein und gefährdet gewesen sein. Es ist das Land des Prager Frühlings und der samtenen Revolution, deren Ideale ich in meinem Herzen trage, auch wenn ich sie selbst nicht erlebt habe, die mich immer wieder inspirieren und beflügeln. Mein Tschechien ist dasjenige der Ideale von Freiheit und Demokratie, wofür dieser Tag, der 17. November, steht. Doch so manches Wort, das ich dieses Jahr gehört habe, so manche Zeile, die ich gelesen habe, bildet den totalen Gegensatz zu diesen Prinzipien. Nicht ohne Grund habe ich kürzlich in meinem Tagebuch notiert: „Ich wünschte, ich könnte wieder einmal etwas Positives über Tschechien schreiben.“

Und dies möchte ich nun zum Schluss tun. In Zeiten in denen Meldungen über Gewalt und Hass gerne einmal die Überhand nehmen, ist es umso wichtiger, auch das Positive zu erwähnen. Es gibt auch viele Menschen, die sich von Werten wie Nächstenliebe oder Menschlichkeit leiten lassen, die im Kleinen dafür sorgen, dass die Welt um sie herum ein kleines bisschen besser ist, die die neusten Entwicklungen ebenfalls mit Sorge betrachten. Tatsächlich sind am 17. November auch viele Menschen für Freiheit und Demokratie auf die Strasse gegangen und haben diese Ideale in die Welt herausgetragen.

Zudem haben auch führende Politiker auf Zemans Auftritt am 17. November reagiert. Regierungschef Bohuslav Sobotka beispielsweise erklärte in einem Interview, der höchste Amtsträger eines Landes, welches eine tiefgründige humanistische und demokratische Tradition besitze, sollte nicht auf einer Versammlung einer xenophoben Sekte auftreten, welche von der Verbreitung intensiven Hasses erfüllt gewesen sei. Der Minister für Legislative und Menschenrechte Jiří Dienstbier kommentierte Zemans Teilnahme an der Kundgebung folgendermassen:

„Wenn das Staatsoberhaupt, ein Amtsträger, der hierzulande traditionell hohe Autorität genießt, an der Seite von Extremisten auftritt, trägt dies dazu bei, dass die Tätigkeit dieser Leute als etwas Normales wahrgenommen wird. Als etwas, was zulässig ist. Das ist meiner Meinung nach völlig inakzeptabel. Der Staatspräsident trägt damit dazu bei, dass der Nährboden für die Faschisierung der tschechischen Gesellschaft bereitet wird.“

Eine halbe Woche nach dem Staatsfeiertag wurde schliesslich die Aktion auf dem Albertov unter dem Namen „Tatsächliche Feier des 17. Novembers“ nachgeholt. Dabei ging es in erster Linie darum, das nachzuholen, was einige Tage zuvor nicht gestattet worden war. Doch spielten auch die aktuellen Entwicklungen eine Rolle. InitiatorInnen und RednerInnen verurteilten Populismus und Verbreitung von Lügen und Hetze und beriefen sich auf die Wichtigkeit der Bildung in diesem Kontext. Der Rektor der Masaryk-Universität in Brno Mikuláš Bek beispielsweise sprach von den Tschechen als ein Volk der Plebejer, welches aus historischen Gründen sowohl um seine aristokratische als auch um seine städtische Elite gekommen war. In seiner Rede unterschied er aber zwischen zwei Arten von Plebejertum (plebejství). Zum einen sprach er von einem lakaienhaften Plebejertum, welches sich der Obrigkeit unterworfen habe, die Schwächeren schlecht behandle und keinen Respekt für Regeln habe; zum anderen von einem freien Plebejertum, welches sich durch Arbeit und Bildung befreit hat. Letzteres ist stolz, selbstbewusst und bereit, den Schwächeren zu helfen. Seine Rede endete mit den Worten:

„Die Aufgabe der Hochschulen ist es, uns zu helfen, einen Weg zu finden, damit in uns allen das freie Plebejertum siegt und nicht das unterwürfige Plebejertum. Es lebe die Freiheit!“

Dies ist die Entscheidung die in Tschechien bevorsteht: sein Volk steht vor einer Wegkreuzung und noch ist nicht klar, welchen Weg es einschlagen wird. Es steht vor der grössten Herausforderung seit der Wende. Diese neuesten Entwicklungen zeigen, dass der Kampf um Freiheit und Demokratie 1989 noch nicht zu Ende gegangen ist, auch wenn viele mittlerweile in Tschechien, wie auch anderswo diese Werte als selbstverständlich erachten. Werte wie Freiheit und Demokratie jedoch sind nicht etwas Festes, was gegeben ist, wenn es einmal erreicht wurde. Es handelt sich um etwas, dass immer weiterentwickelt, neuen Situationen und Gegebenheiten gerecht werden sollte, was auch von Personen oder Umständen in Frage gestellt oder gar missbraucht werden kann. Deswegen ist es wichtig, „Freiheit und Demokratie“ nicht als gegeben wahrzunehmen, sondern auch aktiv dafür einzustehen und im eigenen Leben so zu handeln, dass diese Werte auch in Zukunft bestehen bleiben. Dazu gehört auch anzuerkennen, dass „Freiheit und Demokratie“ nicht einfach an Landes- oder Nationalitätengrenzen abprallen und nicht zu einer Diktatur der Mehrheit auf Kosten einer Minderheit ausarten sollten. Das bedeutet, dass sie auch die Schwächeren unter uns zuteil kommen sollten. Denn jeder Mensch sollte das Recht dazu haben dürfen, ein würdiges Leben zu führen. Bleibt zu hoffen, dass dies auch die Definition dieser beiden Worte ist, die als Wegweiser das Tschechische Volk und letzten Endes uns alle in die Zukunft begleiten wird.

Die Gedanken zu diesem Thema entstanden im November 2015 und konkretisierten sich über die Monate, um schliesslich zu diesem Text heranzureifen.

Eine detailliertere Beschreibung der Ereignisse vom letzten November findet sich in folgenden Beiträgen von Radio Prag, aus welchen auch die Mehrzahl der im Text verwendeten Zitate stammen, wobei auch einige tschechische Originaltexte hinzugezogen wurden:

„Gesellschaft zersplittert“ – Tschechien erlebt einen Staatsfeiertag der Proteste 18.11.15

Nach Schulterschluss mit Extremisten: Zeman schlägt Kritik entgegen 19.11.15

Für Freiheit, gegen Populismus: Tausende demonstrieren nach geklautem Gedenktag 23.11.15

Von Flüchtlingen und Vorurteilen

Tag für Tag werde ich mit schlechten Nachrichten konfrontiert, mit Reaktionen und Ereignissen, die bei mir grosses Unverständnis hervorrufen.

Hetze, Hass, Drohungen und Beleidigungen gegenüber Flüchtlingen und denjenigen, die sich auf ihre Seite stellen, sind ein Phänomen, das immer neue Formen annimmt. Die Migrationswelle, wie es sie im Moment gibt, ist für die europäischen Staaten im Moment schwierig zu bewältigen. Das kann bei der Bevölkerung Verlustängste und Befürchtungen auslösen. Das Thema muss also diskutiert werden, diese Befürchtungen nicht einfach tabuisiert und ignoriert werden. Doch dies sollte auf einem konstruktiven Weg getan werden, einem der nicht nur noch mehr Hass und noch mehr Ängste auslöst – egal von welcher Seite. Aber das ist leider bisher viel zu wenig geschehen, die Tendenz ist erst langsam am Kommen. Was mich schockiert, ist, wieviel auf beiden Seiten generalisiert, geflucht und persönlich angegriffen wird. Oft habe ich bemerkt, dass nicht die eigentlichen Argumente diskutiert wurden, sondern die Personen an sich und zwar aufgrund ihres Alters, Geschlechts, Herkunftsorts, der Meinung, der Bildung – jede Menge persönliche Sachen, die ganz bestimmt nicht in eine öffentliche Diskussion im Internet gehören. Die eigentlichen Vorschläge, Gedanken und Argumente werden entweder gar nicht erst gelesen, wahrgenommen oder von Anfang an gewertet und aus einem bestimmten Blickwinkel angeschaut und die Person in eine Schublade gesteckt, in die sie womöglich gar nicht gehört. Und das gilt leider für so ziemlich alle Diskussionsparteien.

Solche Stammtischparolen aller Art sind nichts Neues. Besonders wenn es um das Thema Ausländer und Migration geht. Es sind die Ausmasse, die das Ganze angenommen hat. Bei dieser tickenden Zeitbombe ist es nicht gerade hilfreich, wenn gewisse Medien genau diese stereotypischen Vorstellungen noch verstärken. Zudem gibt es in so ziemlich jedem europäischen Land Politiker, die die Gunst der Stunde wittern, in dieser angespannten Zeit noch mehr Angst schüren mit dem einzigen Ziel, bei den Wahlen gut abzuschneiden. Die Leben anderer Menschen sind ihnen in diesem Zeitpunkt egal, das wichtigste ist der eigene Profit. So erreichen sie viele Menschen, die bereits Befürchtungen hegen. Je mehr Menschen diese zum Ausdruck bringen, umso mehr gewaltbereite Gruppierungen fühlen sich in ihrer Ideologie bestärkt und erhalten so auch Zulauf. Gedankengut, was vorher diesen Gruppen vorenthalten war, wird nun von Menschen aufgegriffen, von denen man so etwas nie erwartet hätte.

In diesen Wochen habe ich mich oft gefragt, was andere Menschen dazu bringt, Menschen zu hassen, die sie nicht einmal kennen, warum gönnt man anderen nicht, dass auch sie ein würdiges Leben führen dürfen? Ich weiss es nicht. Natürlich gibt es mögliche psychische Ursachen. Jeder von uns hat Respekt vor Unbekanntem, da sich dieses für das menschliche Gehirn schlechter einschätzen lässt. Bei manchen ist diese Eigenschaft stärker ausgeprägt, bei anderen weniger stark.

Schlussendlich unterscheidet uns von diesen Menschen doch nur, dass wir das Glück haben, in einem reichen Land zu leben und nicht jeden Tag Angst haben zu müssen, den darauffolgenden nicht mehr zu überleben. Wären diese Menschen in derselben Situation, würden sie wahrscheinlich ähnlich reagieren. Zuhause im Schutze des heimischen Wohnzimmers vor dem Computer lässt sich leicht darüber schreiben, wie man in einer Konfliktsituation reagieren sollte. Mit dieser sicheren Distanz ist schnell einmal ein Satz geschrieben wie „In dieser Situation würde ich in meinem Heimatland bleiben und kämpfen“. Wenn aber dann das eigene Leben in Gefahr ist und hinter jeder Ecke der Tod lauern könnte, sieht die Welt dann doch ganz anders aus.
Diejenigen die es bis zu uns schaffen, haben oft Schreckliches erlebt – Zustände, die wir uns nicht einmal vorstellen können – sind womöglich traumatisiert und möchten nach einer jahrelangen Odyssee endlich wieder ein normales Leben leben. Sie wollen niemanden betrügen, oder auf unseren Kosten leben. Was sie wollen, ist ein geregeltes Leben – wie wir alle. Viele dieser Menschen wollen arbeiten, wollen Europa etwas zurückgeben, dafür dass man ihnen in dieser schwierigen Zeit Unterschlupf gewährt. Manche von ihnen sind gut ausgebildet, andere weniger, da sie diese Möglichkeit in ihrem Heimatland nicht hatten. In ihnen stecken aber womöglich noch viele verborgene Talente, die uns allen helfen könnten. Ja, vielleicht müssen sie manchmal von Sozialhilfe leben, aber nicht unbedingt, weil sie sich verweigern oder ein schönes Leben haben wollen, ohne etwas dafür zu tun, sondern weil es ihnen einfach nicht möglich ist, eine Stelle zu finden. Das liegt daran, dass Vorurteile wahrscheinlich auch zu den Auswahlkriterien der Arbeitgeber gehören, und zwar nicht nur ihre eigenen Vorurteile, sondern vor allem auch diejenigen der Kunden. Würde man aber auch Geflüchtete in den Arbeitsmarkt einbeziehen, würden diese nicht nur bei der Arbeit etwas bewirken, sie würden auch Steuern zahlen und auf die Dauer unsere Sozialversicherungen sanieren. Darauf sind die westlichen Staaten dringend angewiesen. In allen westlichen Staaten (mit Ausnahme der USA – Einwanderung sei Dank) ist die Bevölkerungszahl rückläufig. Aufgrund unserer wirtschaftlichen und sozialen Lage sterben heute schon mehr Menschen, als Kinder geboren werden. Diese Tendenz wird in der Zukunft noch steigen. Da sind junge arbeitswillige Menschen etwas Willkommenes.

Beim Lesen der Kommentare ist mir zudem eine absurde Form von Neid entgegengeweht. Neid, der sich bei genauerem Hinsehen in Luft auflöst. Es gibt da so manchen, der gerne Flüchtling wäre, schliesslich erhielten diese doch gewisse Privilegien. Doch man muss sich nur einen kurzen Augenblick Zeit nehmen und sich vorstellen, was es bedeutet, Flüchtling zu sein. Ist es etwa ein Privileg, wenn man Gewalt und eine lebensgefährliche Flucht erlebt hat – Erfahrungen die überall ihre Spuren hinterlassen haben? Ist es ein Privileg, wenn man unfreiwillig von seinen Liebsten getrennt wurde sei es durch den Tod oder die Distanz. Ist es ein Privileg, wenn man die ganzen Ersparnisse der Familie zusammengekratzt hat um vor Gewalt, Unfreiheit, Diskriminierung und Perspektivlosigkeit zu entfliehen und nun im vermeintlichen Paradies Europa erneut auf Hass und Ablehnung stösst? Ist es ein Privileg, wenn einem überall das Gefühl gegeben wirf, man könne nirgends mehr ein würdiges Leben führen, weil man hier nicht auf einen gewartet hat und es kein Zurück mehr gibt? Ist es ein Privileg, wenn die Zustände im Heimatland so prekär sind, dass man in ein fernes Land fliehen muss, dessen Sprache man nicht spricht und von dessen Kultur man nur eine vage Vorstellung hat? Ist es ein Privileg wenn man bei jeder Bewegung, jedem Wort Angst haben muss, dass diese von den Einheimischen als Provokation oder Beleidung aufgefasst werden könnte, bloss weil das hier nicht so üblich ist und man das nicht im Voraus wissen kann? Ist es ein Privileg, wenn man vor Islamisten geflüchtet ist, um dann mit ebendiesen gleichgesetzt zu werden, nur weil man selbst ein friedliebender praktizierender Muslim ist? Diese Auflistung könnte noch eine Ewigkeit so weitergehen.

Besonders diesen letzten Vergleich musste ich leider schon oft genug sehen. Verzweifelte unschuldige Menschen pauschal mit denjenigen gleichzusetzen, die ihnen in ihrer Heimat mit ihren Gräueltaten das Leben unmöglich gemacht haben – das kann an keinem, der einen gesunden Menschenverstand hat, einfach so vorbeigehen.

Natürlich müssen wir aufpassen, dass wir nicht den gleichen Fehler wie die „besorgten Bürger“machen. Auch wir dürfen die Flüchtlinge nicht als homogenes Gefüge wahrnehmen. Es ist gut möglich, dass sich in dieser Masse auch Menschen einschleichen, die unser Vertrauen tatsächlich ausnutzen, die kriminelle Hintergedanken haben. Die Gruppe der Flüchtlinge beinhaltet, gleich wie die ganze Menschheit, Personen mit verschiedenstem Verhalten und unterschiedlichsten Hintergründen.

Von einem Menschen, einer schlechten Erfahrung, die man unter Umständen nicht einmal selbst gemacht hat, auf alle zu schliessen, ist falsch. In jedem Flüchtling einen Kriminellen oder einen Terroristen zu sehen, ist eine unrealistische Angst. Es geht ja auch nicht jeder in die Stadt und befürchtet hinter jedem Menschen einen Mörder. Einen gewissen Respekt zu haben, zu hinterfragen, ist eine hilfreiche Sache, aber sich von seinen Ängsten leiten zu lassen, bringt niemandem etwas.

Es ist nicht immer alles schwarz oder alles weiss. Dies gilt insbesondere auch für die Asylgegner. Auch hier wäre es schlichtweg zu einfach, sich diese als eine homogene Masse vorzustellen. Dort gibt es nicht nur Menschen mit rechtsextremen Gedanken, die im Namen der Meinungsfreiheit Hassparolen herumschleudern. Es gibt das ganze Spektrum: von Gewaltbereitschaft die an die Dreissigerjahre des letzten Jahrhunderts erinnert bis zu nachvollziehbaren Ängsten. Deshalb ist es wichtig, diese Menschen nicht kategorisch als dumme Neonazis abzustempeln. Gewaltakte, Hasskommentare und ähnliches, worüber anderswo schon genug berichtet wurde, sind zu verurteilen. Doch was ist mit all den anderen Menschen, die auch nur friedlich ihre Meinung ausgedrückt haben? Sollte man nicht mit ihnen Kontakt treten, herauszufinden versuchen, woran das liegt, dass diese Menschen solche Meinungen vertreten? Es kann sicherlich nicht schaden, sich auch einmal in die Situation dieser Menschen hineinzuversetzen. Denn selbst wenn man weiss, dass gewisse Fakten viele der Vorwürfe oder Befürchtungen, die da tagtäglich ausgesprochen werden, in Luft auflösen lassen oder wenigstens mindern können, ist es trotzdem wichtig, herauszufinden was so eine Haltung ausgelöst hat. Vielleicht steckt auch hinter der kategorischen Ablehnung von allem Fremden eine persönliche traumatische Erfahrung, oder gewisse historische oder gesellschaftliche Hintergründe sorgen dafür, dass diese Person die gleiche Situation ganz anders auffasst. Verständnis kann in diesem Fall entscheidend sein, auch wenn das je nach dem viel abverlangt. Aber es könnte ein entscheidender Schritt aus diesem Teufelskreis sein. Wer ständig gesagt bekommt, er sei ein Nazi oder ein Idiot, fühlt sich dann von der Öffentlichkeit, den Medien und der Politik noch mehr verstossen, was dann gewisse Stimmungsmacher gnadenlos ausnutzen.

In der angespannten Lage, wie sie nun in Europa herrscht, wäre es also für alle Beteiligten und Unbeteiligten wichtig, sich in die jeweils andere Seite hineinzuversetzen. Vorurteile, Hass und Gewalt – auf welcher Seite auch immer – helfen niemandem etwas. Sie rufen nur noch mehr Vorurteile, noch mehr Hass und noch mehr Gewalt hervor. So eine Negativspirale darf nicht die Lösung sein. Wir haben auch keine Zeit für solche sinnlosen Streitereien.

Denn während wir uns gegenseitig darüber unterhalten welch utopische Gutmenschen und xenophobe Neofaschisten (und noch viel Schlimmeres, das nicht noch einmal wiederholt werden sollte) wir sind, uns gegenseitig vorwerfen, wir würden nicht richtig mit dieser Situation umgehen, sich Politiker Europas gegenseitig mit absurden Lösungsvorschlägen übertrumpfen, virtuelle Flüchtlingszahlen von Land zu Land herumgeschoben werden, um herauszufinden, wo man diese am besten unterbringen kann, ändert sich in den Herkunftsländern der Flüchtlinge nichts, die Zustände werden auch in Zukunft unerträglich sein, die Welle der Verzweifelten wird nicht enden. Sie wird auch nicht enden wenn wir die Grenze zumauern. Die Grenzen zu schliessen würde nichts anderes bedeuten als die Augen zu schliessen. Irgendwann würde uns die Realität da draussen dann doch wieder mit voller Wuchteinholen.

Wie viele Menschen müssen denn noch sterben, bis wir endlich realisieren, um was es wirklich geht und uns endlich auf die Ursachen dieser Flüchtlingskrise konzentrieren? In der Aussenpolitik bedeutet dies zum Beispiel, dass man von den kurzfristigen wirtschaftlichen Vorteilen, deren Nachteile uns alle irgendeinmal einholen, absehen sollte (das heisst keine Waffen in Diktaturen exportieren oder nicht länger über den katastrophalen Menschenrechtsstatus gewisser Länder hinwegschauen, weil diese Rohstoffe liefern). Stattdessen wäre es wichtig, auf Stabilität zu setzen mit dem Ziel, längerfristig für Prosperität und Frieden in diesen Ländern zu sorgen. Wenn dies gewährleistet ist, gibt es auch keinen Grund mehr zu fliehen und weniger Menschen würden nach Europa kommen. Das sollte das oberste Ziel der Aussenpolitik sein, denn es ist vollkommen klar, dass Europa nicht die ganze Bevölkerung Arabiens und Afrikas aufnehmen kann.

Doch damit ist die Aufgabe nicht beendet. Auch in Europa sollte das Ziel sein, Ängste zu entkräften. Auch hier sollte das Ziel eine Gesellschaft sein, in welcher das soziale und politische Leben nicht auf Negativität sondern auf Positivität gegründet ist, eine Gesellschaft, in welcher es allen Menschen möglich ist, ein würdevolles Leben zu ermöglichen – egal welche Meinung, Herkunft, Religion oder Geschlecht diese Menschen haben. So mancher wird nun sagen, das sei ein schöner Traum, die Realität sehe nun mal aber leider anders aus. Aber davon sollten wir uns nicht abschrecken lassen. Nur weil das bis jetzt so nicht funktioniert hat, heisst das noch lange nicht, dass das auch für die Zukunft gilt. Sich ein Ziel zu setzen bedeutet zudem nicht zwingend, dass man dies zu 100% erreichen muss, doch das Handeln sollte darauf ausgerichtet sein, dieser Vorstellung so nahe zu kommen, wie es die Umstände möglich machen. In diesem Fall ist das kein einfacher Weg, weil eine menschliche Gesellschaft ein komplexes System ist, dass aus vielen einzelnen Personen und Gruppen besteht, die alle unterschiedliche Ansichten und Bedürfnisse haben. Und deswegen sind wir nun alle als Einzelpersonen gefragt, einen Schritt in die richtige Richtung zu tun. So ist es wichtig, dass wir unsere Vorurteile und Ängste überwinden, auf die anderen Menschen zugehen, sie in unsere Gesellschaft einbeziehen, ihre Sorgen ernstnehmen und sie nicht irgendwelche Parallelgesellschaften ausschliessen, in denen sie sich dann immer mehr von den Idealen, die uns allen am Herzen liegen, wegbewegen. Nur so können die Worte Václav Havels, mit denen ich diesen Text nun beenden werde, auch einmal Wirklichkeit werden.

„Pravda a láska musí zvítězit nad lží a nenávistí“ – „Wahrheit und Liebe müssen siegen über Lügen und Hass“

wieviele tote???

How many roads must a man walk down
Before you call him a man?
How many seas must the white dove sail
Before she sleeps in the sand?

Yes, and how many times must the cannonballs fly
Before they are forever banned?
The answer, my friend, is blowin‘ in the wind
The answer is blowin‘ in the wind

Yes, and how many years can a mountain exist
Before it is washed to the sea?
Yes, and how many years can some people exist
Before they’re allowed to be free?

Yes, and how many times can a man turn his head
And pretend that he just doesn’t see?
The answer, my friend, is blowin‘ in the wind
The answer is blowin‘ in the wind

Yes, and how many times must a man look up
Before he can see the sky?
Yes, and how many ears must one man have
Before he can hear people cry?

Yes, and how many deaths will it take ‚til he knows
That too many people have died?
The answer, my friend, is blowin‘ in the wind
The answer is blowin‘ in the wind

Bob Dylan

bernhard jenny bloggt

grafik: bernhard jenny cc by

wieviele tote
braucht europa, um menschen,
die ihr leben retten müssen,
auf sicherem und legalem weg
aufzunehmen und zu schützen?

parndorf ist das lampedusa österreichs.

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Keine leichte Sommerlektüre [NoViolet Bulawayo – Wir brauchen neue Namen]

Beim Schreiben meiner Geschichte habe ich mir oft gedacht, ob diese – so wie ich sie mir vorstelle – nicht vielleicht allzu sehr eine Ansammlung von tragischen Ereignissen ist. Ich habe mir Gedanken darüber gemacht, wie ich das Ganze vielleicht ein bisschen auflockern könnte, damit das, was ich erzählen möchte nicht allzu schwer zu verdauen ist. Doch dann habe ich NoViolet Bulawayos Buch Wir brauchen neue Namen gelesen und mir wurde schlagartig bewusst dass es bei meiner Geschichte in Sachen schwieriger Erlebnisse noch eindeutig Spielraum nach oben gibt, was aber nicht heisst, dass ich meine Meinung gegenüber meiner noch titellosen Geschichte geändert hätte. Denn dieses Buch hier zu lesen war keine leichte Aufgabe.

Was Darling bereits in ihrer Kindheit und Jugend alles erleben musste, ist selbst für den Leser, der das Ganze mit einer gewissen Distanz erlebt, schliesslich ist er ja nicht selbst in dieser Situation, nur schwer zu ertragen. So wurde die Protagonistin in ihrem Leben unter anderem mit der Schwangerschaft ihrer etwa elfjährigen Freundin konfrontiert, die zuvor vergewaltigt worden war. Darling musste mitansehen, wie ihr Vater, nachdem er sich jahrelang nicht gemeldet hatte, plötzlich todkrank vor der Tür stand und schliesslich an AIDS starb. Auch der erhoffte Wandel traf nicht ein und die Diktatur schlug mit voller Gewalt zurück: es gab Morde und Verhaftungen. Doch damit war nicht genug. Hunger war für sie Alltag, regelmässig ging Darling mit ihren Freunden Guaven klauen, um wenigstens etwas in den Magen zu bekommen. So wurden sie auch einmal Zeugen, wie eine wildgewordene Meute ein reiches weisses Ehepaar verschleppte, um es wahrscheinlich später zu ermorden und in der Zwischenzeit dessen Villa auf den Kopf stellte. Darling hatte sich nicht immer in einer solch schwierigen Lage befunden. Früher hatte sie mit ihrer Mutter nicht in einer solchen Blechhütte gelebt, sondern in einem richtigen Haus mit allem Drum und Dran und ging zur Schule. Doch dann wurde ihre Siedlung rücksichtslos plattgewalzt und die Schule geschlossen, die Lehrer wanderten in die Nachbarstaaten ab, wo sie sich ein besseres Leben erhofften.

Die Geschichte zeigt aber nicht nur das. Schlussendlich gibt es auch für Darling einen Ausweg. Als Tante Fostalina sie nach Amerika holt, beginnt ein neues Leben für Darling, das auch neue Schwierigkeiten und Herausforderungen mit sich bringt. Zur üblichen Suche nach der Identität, wie sie in der Pubertät üblich ist, gesellen sich neue Probleme, für die die Protagonistin selbst am Ende des Buches keine vollständige Lösung gefunden hat. Darling ist hin und her gerissen zwischen ihrer Vergangenheit und ihrer Gegenwart, zwischen Afrika und Amerika, zwischen zwei unterschiedlichen Lebensstilen und Weltanschauungen. Sie hat Sehnsucht nach ihrer Heimat und nach ihren Freunden, muss dann aber gegen das Ende des Buches merken, dass sie in der Zwischenzeit ein ganz anderes Leben gelebt hat als sie, während sich die anderen in Afrika weiterentwickelt haben und weiterhin den Schrecken von Armut und Diktatur ausgeliefert sind. Es gar nicht mehr so einfach, einander zu verstehen. Was bleiben sind die Erinnerungen an eine Zeit, die Darling so kein zweites Mal erleben wird.

Sprachlich hat die Autorin diese Geschichte sehr gut umgesetzt. Die Sprache Darlings mag manchmal etwas verstörend wirken, aber das hat viel damit zu tun, in welchem Umfeld, sie sich befindet. Allein an der Sprache und Ausdrucksweise der Ich-Erzählerin lässt sich ihre Entwicklung mitverfolgen.

Das Mädchen ohne grosse Schulbildung, welches Situationen detailgetreu beschreiben kann und schreckliche Ereignisse mit einer gewissen kindlichen Naivität wahrnimmt, die ihr hilft, auch in dieser schwierigen Zeit Gutes zu sehen, beginnt gewisse Zusammenhänge besser zu verstehen und entwickelt sich schliesslich zu einer Jugendlichen im Identitätskonflikt, die noch nicht so genau weiss, wo ihr Platz im Leben ist und was sie mit ihrer Zukunft anfangen soll und dabei immer wieder an ihre Kindheit erinnert wird.

Besonders erwähnenswert sind auch die Zwischenkapitel, in den sich NoViolet Bulawayo über die persönliche Sichtweise Darlings hinwegsetzt. Diese beiden Texte sind in einer sehr eindrücklichen, bildlichen, fast poetischen Sprache geschrieben. Darin werden Brücken geschlagen –von der fiktiven, persönlichen Geschichte Darlings geht die Autorin hier zum Schicksal von Tausenden von afrikanischen Emigrantinnen und Emigranten über. Das Kapitel Wie sie gingen beginnt mit den Worten:

Seht nur, sie gehen in Scharen, die Kinder des Landes, seht nur sie gehen in Scharen. Die nichts haben, überqueren Grenze. Die Kraft haben, überqueren Grenzen. Die ehrgeizig sind, überqueren Grenzen. Die Verluste beklagen, überqueren Grenzen. Die Schmerzen haben, überqueren Grenzen. Fahren, laufen, ziehen, gehen, wandern, verschwinden, fliegen, fliehen – überallhin, in nahe und ferne Länder, Länder, von denen sie noch nie gehört haben, Länder, deren Namen sie nicht aussprechen können.

In diesem keine zwei Seiten langen Text beschreibt Bulawayo nicht nur, was es bedeutet die eigene Identität und seine Wurzeln zurückzulassen, aber auch das Bewusstsein der Emigranten darüber, dass man in der neuen Heimat nicht offenen Händen auf sie warten wird. In einem weiteren solchen Kapitel wird dann die Situation in Amerika gezeigt.

Wir brauchen neue Namen von NoViolet Bulawayo ist ein sehr eindrückliches Buch, das uns das Schicksal einer jungen Frau näherbringt, die Gewalt und Hunger entflieht, sich auf den Weg macht nach Amerika, wo sie ganz neue Probleme erwarten. Es ist ein sehr kraftvolles Buch, das ich empfehlen kann, auch um besser verstehen zu können, was genau die Menschen in Afrika dazu bewegt, ihr Leben dort aufzugeben, und nach Amerika oder Europa zu kommen. Allerdings muss sich der Leser bewusst sein, dass der Inhalt nicht immer leicht zu verdauen ist, so wie die Guaven auch nicht.

264 Seiten ♥ Suhrkamp Verlag; 2. Auflage (18. August 2014) ♥ ISBN-10: 3518424513 ♥ ISBN-13: 978-3518424513 ♥ Englischer Originaltitel: We Need New Names

17. Juni

Dieses Datum bezeichnet nicht nur den Jahrestag des Volksaufstandes in der DDR – heute ist auch der Tag, an dem Raif Badawi drei Jahre im Gefängnis verbracht hat.

Deswegen habe ich beschlossen, ihm einen weiteren Text zu widmen. Allerdings sieht die Lage nun aufgrund der neusten Nachrichten aus Saudi Arabien nun deutlich anders aus, als an jenem Tag als ich meine ersten Gedanken zu diesem Text aufgeschrieben habe.

Doch effektiv hat sich abgesehen davon, dass nur eine einzige Möglichkeit, dieses Urteil nun noch aufzuheben, übriggeblieben ist – eine Intervention des Königs – bis zu diesem Zeitpunkt nichts geändert. Raif Badawi ist jetzt nunmehr seit 3 Jahren im Gefängnis, was bedeutet dass er seit diesem Zeitpunkt so gut wie kein Leben mehr hat, jedenfalls keines das diesen Namen verdient hätte. Die Mächtigen und Einflussreichen seines Landes haben diesem Mann bereits drei Jahre seines Lebens gestohlen – drei Jahre, die ihm nie mehr zurückgegeben werden können. Und gemäss dem nun endgültig rechtskräftig gewordenen Urteil sollen weitere sieben folgen. Das heisst, wenn er diese überhaupt noch erleben wird. Denn falls die Todesstrafe auf Raten, die ihren wahren Charakter verbirgt, in dem sie nicht diesen Namen trägt, der ihr eigentlich zusteht, tatsächlich so wie vorgesehen vollzogen werden sollte, ist dies nicht gewährleistet.

Es stimmt – bis jetzt wurde Raif Badawi nicht mehr ausgepeitscht – aus welchen Gründen auch immer. Bis zum 7. Juni war es für uns schon zur Alltäglichkeit geworden, am Freitag auf eine beruhigende Nachricht zu warten, die Angst war für viele von uns längst nicht mehr so gross, wie in den ersten Wochen im Januar und Februar. Die Bestätigung des Urteils durch das oberste Gericht in Saudi Arabien haben uns aber zurück auf den Boden der Realität gebracht und uns gezeigt, dass das Risiko noch besteht, genauso wie es dies in der zweiten Januarwoche dieses Jahres getan hat und das die Reaktionen von offizieller Seite bis jetzt noch nicht ausgereicht haben, um tatsächlich eine Freilassung zu bewirken.

Dies ist und bleibt die einzige akzeptable Lösung. Es wurde Raif Badawi seit dem 9. Januar zwar kein neuer körperlicher Schaden zugefügt, aber man muss sich auch überlegen, was diese Ungewissheit, wie es jetzt weitergehen soll, ob und wann diese restlichen 950 Peitschenhiebe nun ausgeführt werden, die jede Woche ums neue am Freitag ihren Höhepunkt erreicht, nun genau für diesen jungen Araber bedeutet und wie sehr das an den Nerven zerren muss. Dies ist nichts anderes als psychische Folter. Schliesslich befindet er sich seit Januar in einem luftleeren Raum ohne Anhaltspunkte wie die Zukunft aussehen wird, keine Daten als greifbare Festpunkte in unmittelbarer Zukunft und muss jede Woche auf das Schlimmste gefasst sein. Diese Angst vergrössert sich natürlich durch besagtes Gerichtsurteil noch erst recht, die Situation erscheint aussichtsloser denn je.

Trotzdem gibt es auch weiterhin gewisse Hoffnungsschimmer. Beispielsweise kann die saudische Regierung diesen Fall schon seit längerem nicht mehr ignorieren, und sieht sich gezwungen, immer wieder zu wiederholen, dass die Menschenrechte in ihrem Land gewährleistet seien. Die Tatsache, dass das Auspeitschen trotz der Bestätigung des Urteils und entsprechenden Berichten durch inländische Medien letzten Freitag nicht vollzogen wurde, spricht ebenfalls dafür, dass die öffentliche Meinung doch nicht ungehört bleibt.

Dies alles ist ein guter Anfang. Es ist jetzt aber umso bedeutender, beharrlich zu bleiben und sich nun erst recht für die Freilassung Raif Badawis einzusetzen – auch wenn dies bedeutet, dass unsere Regierungen ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen für einmal in den Hintergrund stellen müssen.

Raif Badawi ist ein friedlicher Mensch, der einzig und allein dafür bestraft wird, den Mut zu haben, seine eigene Meinung zu haben und diese mit der Welt um ihn herum zu teilen, auch wenn er dabei Themen anspricht, die für gewisse nicht irrelevante Bevölkerungsschichten seines Landes tabu sind. Es ist also absolut wünschenswert, dass Raif Badawi bald mit seiner Familie vereint sein wird und ein normales Leben führen kann. Denn dort ist sein Platz wo er hingehört – bei seiner Frau und seinen Kindern in allererster Linie, aber auch weil das bedeutet dass er dann seine Gedanken aussprechen könnte ohne Angst vor weiterer Repression und sie mit vielen Menschen, die genauso besorgt sind um das Schicksal der Welt, teilen könnte.

Hier geht es zur englischen Version des Textes:

https://saminana.wordpress.com/2015/06/17/17th-of-june/

The spirit of the valley / Der Geist des Tals / Lo spirito della valle (SCL Tigers in NLA)

SCL Tigers in A

I am so proud that our village has a hockey team that plays in the best league of Switzerland.

That is what I said when I was a little girl. Already then I understood that it can’t be taken for granted that a village club to compete among the best teams. I always compared it to the soccer team which has been far away from the best leagues. I have grown up with a father who has always been passionate about hockey in a village in which this sport has always played a particular role since the foundation of the Schlittschuh-Club Langnau in 1946 which today is known as the SCL Tigers.

It is indeed something unusual that a village club like ours can play among the best teams of the entire country, which usually come from the cities such as Bern, Zurich or Geneva. There is only one other exception: Ambrì. In any case Langnau has something not every club from the city can offer. The Tigers have thousands of fans here in the region who keep being loyal to the club also in the most difficult situations. Indeed it means a lot to many people here, one can say it is the most important thing here in the entire valley where there is no big industry. It is something that holds the people together. Somehow almost every person here in Langnau feels connected to this club – of course not everyone in the same extent. Not everyone goes to the stadium to see every single game of the Tigers, but still some particular feeling is there. Even I have it, despite I have lost my heart to Ambrì more than nine years ago, the only club with a reality which is so similar to the one here in Langnau, which too has that spirit of the valley, just with some different essence which somehow made the difference for me. Nevertheless I have a different relation to the Tigers than to any other team in Switzerland. I remember well the day when I realized that the SCL would be relegated. That was the first time and the last time so far that I have cried for a team which is not mine.

That was two years ago. Since then I saw a team which is working hard to come back, I saw the only team in the whole National League B with such numbers of spectators. Also this time the fans stayed loyal to their club also in these times which were not so simple, which is not a matter of course. The Tigers dominated the NLB for the whole season and demonstrated that it is the NLA where they belong for real.

They also played surprisingly well against Rapperswil, the weakest team of NLA this year which approached step by step what I don’t desire for any team: relegation. The entire village was reunited in some sense of hope and belief. Soon a slogan appeared at different points of the village: from the bridge over the Ilfis to the showcase of the flower shop: Wär nid dra gloubt, isch ke Tiger (Who doesn’t believe in it is no tiger). It is a derivation of the original Wär nid gumpet, isch ke Tiger (Who doesn’t jump is no tiger), which one can often hear at the games in Langnau. And also conversations here in the village often lead to one topic: hockey. The decisive game then was held in Langnau. On this Thursday you could feel the tension everywhere while walking through the village. It was as if you could touch it. Fans walking towards the stadium in swarms, someone even told me that the cars were standing on some of the main roads until the entry to the village. That’s how it must have been like in the already far away glorious times when Langnau was one of the best teams in Switzerland, about which one can read in the chronicles of Swiss hockey. How much I would give to make a time travel to see this atmosphere, the origins of what our hockey is today.

In the end of the day the miracle became reality, after only two years of National League B the SCL Tigers will compete again among the best twelve teams of Switzerland. The pain, which their supporters felt back then, can be left behind and a new adventure can begin. I am looking forward to thrilling games in the Ilfishalle, although that also means new disputes with my father. Welcome back, SCL.

Ich bin so stolz, dass unser Dorf eine Eishockeymannschaft hat, die in der besten Liga der Schweiz spielt.

Das habe ich als kleines Mädchen gesagt. Schon damals war mir bewusst, dass dies keine Selbstverständlichkeit ist, dass ein Dorfklub unter den besten Teams des Landes mitspielen kann. Damals habe ich es immer mit unserer Fussballmannschaft verglichen, das von besten Ligen immer weit entfernt gewesen ist. Ich bin mit einem Vater aufgewachsen, der immer eine Leidenschaft für Hockey gehabt hat – in einem Dorf, in dem dieser Sport seit der Gründung des Schlittschuh-Clubs Langnau, der heute als SCL Tigers bekannt ist, immer eine besondere Rolle gespielt hat.

Es ist in der Tat etwas Ungewöhnliches, dass ein Dorfklub wie unserer unter den besten Teams der ganzen Schweiz zu finden ist, welche grösstenteils aus Städten wie Bern, Zürich oder Genf kommen. Der ist nur eine weitere Ausnahme: Ambrì. Auf jeden Fall hat Langnau etwas, was nicht jeder Klub aus der Stadt bieten kann. Die Tigers haben tausende Fans hier in der Region, die dem Klub die Treue halten – auch in den schwierigsten Situationen. Tatsächlich bedeutet der SCL vielen Menschen hier viel, man kann sagen, es sei die wichtigste Sache hier im ganzen Tal, in welchem es keine grosse Industrie gibt. Es ist etwas, das die Leute zusammenhält. Irgendwie fühlt sich beinahe jede Person hier in Langnau mit diesem Club verbunden – natürlich nicht jeder im gleichen Ausmass. Nicht jeder geht ins Stadion, um jedes einzelne Spiel der Tigers zu sehen, aber trotzdem ist ein besonderes Gefühl da. Sogar ich habe es, selbst wenn ich vor bereits mehr als neun Jahren mein Herz an Ambrì verloren habe, den einzigen Klub mit einer ähnlichen Realität wie diejenige hier in Langnau, der auch diesen Geist des Tals in sich trägt, einfach mit einer gewissen Essenz, die für mich den Unterschied gemacht hat. Nichtsdestoweniger habe ich eine andere Beziehung zu den Tigers als zu jeder anderen Mannschaft in der Schweiz. Ich erinnere mich noch gut an jenen Tag, als ich begriffen hatte, dass der SCL absteigen würde. Das war das erste und bisher letzte Mal, dass ich wegen einer Mannschaft geweint habe, die nicht meine eigene gewesen ist.

Das war vor zwei Jahren. Seit damals habe ich ein Team gesehen, dass hart daran gearbeitet hat, um zurückzukehren. Ich sah die einzige Mannschaft in der ganzen National League B mit solchen Zuschauerzahlen. Auch diesmal blieben die Fans ihrem Klub treu, auch in diesen Zeiten, die nicht so einfach waren, was keine Selbstverständlichkeit ist. Die Tigers dominierten die NLB während der ganzen Saison und machten deutlich, dass die NLA dort ist, wohin sie wirklich gehören.

Sie spielten auch überraschend gut gegen Rapperswil, das schwächste Team der NLA dieses Jahres, welches sich Schritt für Schritt dem näherte, was ich keinem Klub wünsche: dem Abstieg. Das ganze Dorf war vereint in einem gewissen Gefühl von Hoffnung und Glauben. Bald tauchte ein Slogan überall im Dorf auf, von der Brücke über die Ilfis bis zum Schaufenster des Blumenladens: Wär nid dra gloubt, isch ke Tiger (Wer nicht daran glaubt ist kein Tiger). Es ist eine Ableitung von Wär nid gumpet, isch ke Tiger (Wer nicht hüpft, ist kein Tiger), das man an den Spielen hier in Langnau oft hören kann. Und auch die Gespräche hier im Dorf führten oft zu einem Thema: Hockey. Das entscheidende Spiel fand dann in Langnau statt. An diesem Donnerstag konnte man die Spannung überall fühlen. Es war, als könnte man sie anfassen. Die Fans liefen in Scharen Richtung Stadion, jemand erzählte mir sogar, dass Autos auf den Hauptstrassen bis um Ortseingang stünden. So muss es gewesen sein in den glorreichen Zeiten, als Langnau zu den besten Mannschaften der Schweiz gehörte, worüber man in den Chroniken des Schweizer Hockeys lesen kann. Wie viel würde ich geben, um eine Zeitreise machen zu können, damit ich diese Atmosphäre fühlen, die Ursprünge dessen, was unser Hockey heute ist, sehen könnte.

Am Ende des Tages wurde das Wunder Realität, nach nur zwei Jahren Nationalliga B werden die SCL Tigers wieder zu den zwölf besten Teams der Schweiz gehören. Der Schmerz, den ihre Anhänger damals gefühlt haben, können sie nun hinter sich lassen und ein neues Abenteuer wird beginnen. Ich freue mich schon auf spannende Spiele in der Ilfishalle, auch wenn das auch neue Streitigkeiten mit meinem Vater mit sich bringt. Willkommen zurück, SCL.

Sono così orgogliosa che il nostro villaggio abbia una squadra di hockey che gioca nella lega migliore della Svizzera.

Questo è ciò che ho detto quando ero una bambina. Già quella volta mi ero resa conto che non si tratta di una cosa ovvia che una società di villaggio possa giocare contro le squadre migliori della Svizzera in Lega Nazionale A. Quella volta l’ho sempre paragonato con la nostra squadra di calcio che è sempre stata lontana dalle leghe migliori. Sono cresciuta con un padre che ha sempre avuto una passione per l’hockey, in un villaggio nel quale questo sport, ha sempre rivestito un ruolo particolare da quando nel 1946 è stato fondato lo Schlittschuh-Club Langnau che oggi conosciamo come SCL Tigers.

È davvero qualcosa d’insolito che una squadra di un villaggio come Langnau militi tra le squadre migliori del paese come Berna, Zurigo o Ginevra, ovvero le squadre delle città. Qui c’è solo un’altra eccezione: l’Ambrì. In ogni caso il Langnau ha qualcosa che non ogni società di città può offrire. Hanno migliaia di tifosi qui nella regione che restano fedeli al club anche nelle situazioni più difficili. In effetti significa tanto a tante persone qui, si può dire che è la cosa più importante in tutta la valle dove non c’è un’industria grande. C’è qualcosa che tiene unita la gente. In qualche modo quasi ogni persona qui a Langnau si sente legato a questa società – naturalmente non ognuno nella stessa dimensione. Non ognuno va allo stadio a vedere ogni singola partita dei Tigers, ma lo stesso c’è questo sentimento particolare. Pure io ce l’ho, anche se l’Ambrì mi ha rubato il cuore più di nove anni fa, l’unica squadra con una realtà simile a quella qui a Langnau, che ha anche questo spirito della valle, semplicemente con un’essenza diversa che in qualche modo ha fatto la differenza per me. Ciò nonostante ho una relazione diversa con i Tigers rispetto ad ogni altra squadra in Svizzera. Ricordo bene quel giorno quando mi sono resa conto che stava per essere relegato. È stata la prima e finora anche l’ultima volta che ho pianto per una squadra che non è la mia.

Questo è stato due anni fa. Da questo punto ho visto una squadra che lavorava duramente per ritornare, ho visto l’unica squadra in National League B con numeri di spettatori così alti. Anche questa volta i tifosi sono rimasti fedeli alla loro società, anche in quei tempi che così facili non erano, questo non è un’ovvietà. I Tigers hanno dominato la NLB per tutta la stagione e hanno dimostrato che è la NLA dove appartengono davvero.

Hanno giocato sorprendentemente bene anche contro il Rapperswil, la squadra più debole della NLA di quest’anno, che si avvicinava passo per passo a ciò che non desidero per nessuna squadra: la relegazione. Tutto il villaggio era unito in un certo senso di speranza e fede. Presto appariva un slogan in tutto il villaggio, dal ponte sull’Ilfis alla vetrina del negozio di fiori: Wär nid dra gloubt, isch ke Tiger (Chi non ci crede non è una tigre). È una deviazione del Wär nid gumpet, isch ke Tiger (Chi non salta non è una tigre) che si può sentire spesso alle partite a Langnau. E anche le conversazioni qui nel villaggio conducevano spesso ad un tema: hockey. La partita decisiva poi aveva luogo a Langnau. Quel giovedì si poteva sentire la tensione ovunque passeggiando per il villaggio. Era come se si potesse toccarla. I tifosi andavano a sciami allo stadio, qualcuno quella sera mi ha detto pure che le macchine erano ferme sulle strade principali fino all’entrata al villaggio. È così che dev’essere stato nei tempi gloriosi ormai lontani quando il Langnau era una delle squadre migliori del paese, quando hanno pure vinto il campionato, i tempi sui quali si può leggere nelle croniche dell’hockey svizzero. Quanto darei per poter fare un viaggio nel tempo per sentire quest’atmosfera, per vedere le origini di ciò che è il nostro hockey oggi.

Alla fine del giorno il miracolo è diventato realtà, dopo solo due anni di National League B, i SCL Tigers apparterranno di nuovo alle dodici squadre migliori della Svizzera. Il dolore che i loro sostenitori hanno sentito quella volta ora lo possono lasciare dietro se e una nuova avventura può cominciare. Io non vedo l’ora di nuove partite avvincenti nell’Ilfishalle. Bentornato, SCL.

Warum es wichtig ist, sich für Raif Badawi einzusetzen

Jeden Tag sterben in den Kriegsgebieten hunderte Menschen. Viele weitere werden tagtäglich gefoltert, misshandelt oder sitzen hinter Gittern, weil sie auf ihr Recht auf freie Meinungsäusserung bestanden haben. Warum sollte man angesichts dieser Situation sich ausgerechnet auf Raif Badawi konzentrieren und sich für dessen Freilassung einsetzen. Gibt es nicht Wichtigeres, dass es auf dieser Welt zu lösen gilt?

Seit Wochen beschäftige ich mich mit Raif Badawis Fall und versuche nun Antworten auf diese Fragen zu finden.

In den vergangenen Wochen habe ich öfters zu hören bekommen, dass sich die Frage stellt, warum man sich so für die Freilassung eines Einzelnen bemüht, während doch in Syrien und anderswo jeden Tag dutzende unschuldige Menschen sterben und in China, Nordkorea und anderswo Menschenrechtsverletzungen genauso an der Tagesordnung stehen. Dabei geht es längst nicht nur mehr um das Leben dieses einzelnen Mannes. Raif Badawi ist zum Symbol für die Meinungsfreiheit geworden. Schliesslich hat er bloss das System kritisiert, in dem er lebt. Er hat dies auf eine friedliche und gewaltlose Art getan, in dem er auf dem Internet ein Diskussionsforum gegründet hat. Umso härter fiel die Reaktion der saudischen Justiz aus, die durch diese zum Symbol der Willkür geworden ist.

Raif Badawis Fall hat vielen Menschen im Westen die Augen geöffnet. Nicht allen war bewusst, dass es sich bei dem strategischen Verbündeten der USA und des Westens um eine Diktatur handelt, die keinerlei Kritik am System, keine Forderungen für mehr Demokratisierung und erst recht keine andere Auslegung des Islams als die ihrige duldet. Manche, mit denen ich gesprochen habe, haben gedacht, Saudi Arabien habe eine ähnliche Rechtsordnung wie die Staaten in Europa. In Wirklichkeit herrscht in diesem Land aber eine der striktesten Interpretationen der Scharia. Bestrafungsmethoden wie Enthauptungen oder Auspeitschungen gehören hier zur Tagesordnung. In diesem Zusammenhang hat Raif Badawis Fall tatsächlich einiges bewirkt. Dank der Aufmerksamkeit, die seinem Schicksal bisher gewidmet wurde, hat die westliche Öffentlichkeit auch von der allgemeinen Menschenrechtslage in Saudi Arabien erfahren. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass Raif Badawi bei weitem nicht alleine ist. Manche Organisationen sprechen von Tausenden von politischen Gefangenen allein in Saudi Arabien. Dazu kommen noch diejenigen aus den benachbarten Ländern. Doch wie soll man sich für die Freilassung von Menschen einsetzen, deren Namen man nicht einmal kennt? Es braucht immer Fälle, die symbolisch für alle anderen stehen. Das war bei Nelson Mandela in Südafrika so und genauso war es auch bei Václav Havel in der Tschechoslowakei. Auch sie waren nicht die Einzigen. In diesem Fall ist es Raif Badawi, der diese Rolle zugeteilt bekommen hat.

Die Menschenrechtslage in Saudi Arabien zu kritisieren bedeutet noch lange nicht, dass man mit allen Vorgängen in der Heimat einverstanden ist. Das Recht auf freie Meinungsäusserung bedeutet beispielsweise noch lange nicht, dass man seine Umgebung nach freiem Belieben beschimpfen darf. Aber das ist schon wieder ganz eine andere Geschichte. Sich für die Freilassung Raif Badawis und anderen Gewissensgefangenen in Saudi Arabien einzusetzen beruht auch nicht auf dem Hass gegenüber dem Islam oder anderen Religionen. Wer so mit seinen Kritikern umgeht, ruft unausweichlich Widerstand hervor, denn diese Bestrafungsmethoden erinnern an vergangene Zeiten, die wir hier in Europa längst hinter uns gelassen haben. Umso schrecklicher ist es zu hören, dass sie anderswo noch zur Tagesordnung gehören. Das hat nichts mit dem Islam an sich zu tun, das wäre in jedem anderen Fall auch so. Keine Religion, keine Ideologie, auch kein anderer Beweggrund rechtfertigt solche Menschenrechtsverletzungen. Jeder sollte glauben dürfen an was auch immer er will, solange er deswegen keinem anderen Menschen Gewalt antut.

Ein weiteres Argument, das auch von Politikern häufig gebraucht wird, die von einer Intervention im Fall Raif Badawi abraten, ist, dass es wichtig sei in einer Zeit, in der es so viele Konflikte im Nahen Osten gibt, Saudi Arabien als strategischen Verbündeten zu behalten, schliesslich handle es sich hiermit um ein vergleichsmässig stabiles Land und der Fall Raif Badawi sei ein zu kleiner Störfaktor, um diese guten Beziehungen zu riskieren. Meiner Meinung nach sollte man nicht länger wegschauen, was die Menschenrechtsverletzungen in den arabischen Ländern betrifft. Das wäre nicht das erste Mal in der Geschichte, dass man zu lange weggesehen hätte. Schliesslich betrifft es nicht nur Raif Badawi alleine, sondern auch tausende weitere Gewissensgefangenen allein in Saudi Arabien, sowie diejenigen in den Nachbarländern. Und da wären da noch die Frauen, die in Saudi Arabien gnadenlos unterdrückt werden. Sollte man dies wirklich weiterhin einfach ignorieren, fröhlich weiter Waffen dorthin exportieren? Man sollte auch nicht vergessen, dass dieser strategisch so wichtige Verbündete im Kampf gegen den Terror ideologisch gesehen doch so einige Gemeinsamkeiten mit dem Islamischen Staat hat. Und die neuen Gesetze, deren eigentlicher Zweck die Verhinderung von Terrorverbrechen wäre, werden in erster Hand dazu verwendet Regimekritiker zum Schweigen zu bringen.

Daraus lässt sich schliessen, dass es auch in Zukunft wichtig ist, sich für Raif Badawi einzusetzen. Denn dieser saudische Blogger steht für weitaus mehr als für sein persönliches Schicksal. Er steht für die Meinungsfreiheit und für viele andere unrechtmässig verfolgte Menschen auf dieser Welt. Wer weiter zusieht, wie in Saudi Arabien Unrecht geschieht, macht sich selbst zum Komplizen dieses Regimes. Sich für Raif Badawi einzusetzen bedeutet aber auch sich für ebendiese verfolgten Menschen überall auf der Welt genauso zu engagieren. Alle Menschen dieser Welt, die in Gefahr sind, auf einmal zu retten ist ein Ding der Unmöglichkeit. Man muss aber irgendwo beginnen. Und Raif Badawi ist ein guter Anfang.