Ein Problem und ein vermeintlicher Lösungsansatz

Im Internet kursiert unter der Abkürzung ZAFI der Vorschlag für eine Volksinitiative, welch verspricht, Probleme wie die überproportionalen Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche von Menschen über 50 damit zu lösen, dass Inländern auf dem Arbeitsmarkt bevorzugt eine Stelle gegeben wird. 

Tatsächlich gibt es verschiedene Bevölkerungsschichten, welche auf dem Arbeitsmarkt systematisch diskriminiert werden. Dazu gehören neben den Menschen über 50 beispielsweise auch Behinderte, Frauen oder Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht 100% arbeiten können. Vorzugeben, dieses Problem dadurch zu lösen, in dem man Inländer und Ausländer gegeneinander ausspielt, darf aber auch nicht die Lösung sein. Zudem wage ich es zu bezweifeln, dass es ausgerechnet das Einstellen von billigeren Arbeitskräften aus dem Ausland ist, welches diesen Gruppen von Menschen den (Wieder-)Einstieg in den Arbeitsmarkt erschwert, wie es die Initianten behaupten. Mir sind keine Studien oder Statistiken bekannt, die ebendies behauptet. Hier werden zwei negative Phänomene des Arbeitsmarktes willkürlich miteinander verknüpft. In der Realität ist die Sache weitaus komplexer. 

Es ist durchaus wünschenswert, dass sich die Politik mit diesen Formen der Diskrimination auf dem Arbeitsmarkt auseinandersetzt. Doch diese lässt sich kaum dadurch aufheben, in dem man eine benachteiligte Gruppe gegenüber einer anderen bevorzugt. Denn man darf nicht vergessen, dass ebendiese billigen ausländischen Arbeitskräfte oft ebenso ausgenützt und diskriminiert werden. Sie machen Arbeiten, die die meisten Schweizerinnen und Schweizer nicht machen würden und werden dafür unterbezahlt. Sie sind ebenso Opfer in diesem System wie Schweizer, die Absage um Absage erhalten, nur weil sie nicht in ein Idealbild passen. Und dennoch sind diese Absagen nicht zwingend die Folge der Einstellung von Ausländern. Oft sind es jüngere Einheimische, denen der Vorzug gegeben wird. 

Um das Problem bei der Wurzel zu packen, sind andere Lösungsansätze notwendig. Zum einen braucht es Regelungen, die es schwieriger machen, aus Lohndumping Profit zu schlagen. Vor allem aber ist es notwendig, Anreize zu schaffen, damit nicht ganze Bevölkerungsschichten systematisch vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen werden. Die Zeit ist reif für einen Paradigmenwechsel bei der Jobvergabe. Es sollte endlich nach Kriterien wie Kenntnissen und Fertigkeiten, Erfahrungen und Potential entschieden werden. Kriterien wie Geschlecht, Alter, Nationalität sollten dabei keine Rolle spielen. Menschen, die spezifische Bedürfnisse brauchen, um ihr Potential entfalten zu können, sollten diesen Raum erhalten, statt an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu werden. Es ist an der Zeit, dass Menschen, die Arbeit suchen oder einen Job haben, nicht mehr zu Konkurrenten und Rivalen gemacht werden, die sich wie Raubtiere in der Wildnis um ihr Futter streiten. Diese Form von Sozialdarwinismus am Arbeitsplatz hat ausgedient und sollte durch eine Form von Solidargemeinschaft ersetzt werden, in dem ein jeder und eine jede nach seinen Mitteln und Fähigkeiten die Chance bekommt, diesen Planeten zu einem besseren zu machen und ein erfülltes und würdiges Leben zu leben.

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Three years of injustice – Freedom for Mahmoud Abu Zeid „Shawkan“

Here is another human rights case I have been following through the last years. Therefore I’d like to share this excellent post writen by CiLuna, which not only sums up Shawkan’s story and ordeal, but also provides some advise how to help to end this injustice.

There is also a sequel to this post by the same author named Sky for Shawkan that proposes another way to show your support to this imprisoned photojournalist.

ciluna27's Blog

bg_bild_ShawkanMahmoud Abu Zeid who is better known under the name „Shawkan“ is a young Egyptian photographer. He is 28 years old and he worked as freelance photographer and contributed to the photo agencies Demotix and Corbis. His photographs were in many well-known and well-regarded newspapers and magazines like the German newspaper Die Zeit and the US Time magazine. He made photos of daily life in Egypt, including festivals and street life. With the beginning of the Arab Spring uprising he also covered political protests. You can find a sample of his amazing photos here.

Shawkan has been in prison for almost three years without a trial or a judgement. By his ongoing detention, Egypt violates International law, but also their own laws. Pursuant to Art. 134 Egyptian Code for Criminal Procedures the pre-trial detention must not exceed two years (if the alleged offence is punishable by life imprisonment or death, in other cases…

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Eine Ungerechtigkeit, die sprachlos macht

Wer sich mit der Menschenrechtsthematik auseinandersetzt, realisiert schnell, wie viele Menschen auch im 21. Jahrhundert noch Willkür ausgesetzt sind. Von Saudi Arabien über Eritrea bis nach Russland, um nur einige wenige Beispiele zu nennen, erreichen uns immer und immer wieder Nachrichten von Menschenrechtsverletzungen. Es sind Schicksale, die nur diejenigen kaltlassen können, die ein Herz aus Stein haben. Auch diesmal ist es eine solche Geschichte, die mich dazu bewegt, diese Zeilen hier zu schreiben.

Es ist eine Geschichte, die das Potential hätte, aus einem Märchenbuch zu stammen. Es war einmal eine Familie, die in ihrem Heimatland Terror und Verfolgung erlebte. Deswegen schliesslich entschloss sie sich zu fliehen, um anderswo ein neues Leben zu beginnen, ein Leben ohne Angst und ohne Gewalt. Nach jahrelanger Odyssee schliesslich hat sie Zuflucht in der Schweiz gefunden. Das Ankommen im Alltag in diesem neuen Zuhause war sicherlich nicht einfach, und dennoch wurde die Familie Teil der Gemeinschaft. Die Kinder konnten zur Schule gehen und fanden gute Freunde. Doch eine wesentliche Sache unterscheidet diese Geschichte von einem Märchen. Es fehlt nämlich ein Abschluss, wie er bei Märchen übrig ist. Es gibt kein „und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ und auch kein „und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“. Dies liegt daran, dass diese Geschichte kein Happy End kennt. Zuerst kam die Hiobsbotschaft, das Asylgesuch sei abgelehnt. Letzten Monat schliesslich, vier Jahre nach der Ankunft in der Schweiz, wurde die Familie in ihr „Heimatland“ Tschetschenien ausgeschafft – ein Land, das den Kindern mittlerweile fremd ist und in dem immer noch Terror und Unterdrückung herrschen.

Dieser Ausgang trotz Kampagne in den Medien und Unterstützung der Bevölkerung der Gemeinde Kilchberg wirft Fragen auf. Warum hier Kinder aus einem intakten Umfeld herausgerissen und die ganze Familie unnötigem Leid ausgesetzt wird, lässt sich weder rational noch moralisch begründen. Auch auf rechtlicher Ebene spricht so einiges gegen eine Ausschaffung. Tatsächlich weisen Kritiker dieses Beschlusses immer wieder darauf hin, dass Mängel im Verfahren bestanden. So wurde beispielsweise weder die tatsächliche menschenrechtliche Situation genügend wahrgenommen, auch wurden die Bezugspersonen der Asylbehörde, welche persönlich in Kontakt zu der Familie standen, bei der Urteilsfindung nicht einbezogen.

Eine beispielhaft integrierte Familie, welche hier Fuss gefasst hatte, wurde auf Kosten der Steuerzahler ihrer Zukunft beraubt, indem man sie in ein Land zurückfliegt, von dessen Besuch das EDA in den Reisehinweisen abrät. An dieser Stelle in orwellscher Manier von einer einvernehmlichen Lösung zu sprechen, nach all den Schikanen, dem unfassbaren Druck, der auf diese Menschen einschliesslich der Kinder ausgeübt wurde, ist absolut unmenschlich und eines funktionierenden Rechtsstaates nicht würdig. Denn es lässt sich mit keinen rechtlichen Grundlagen erklären, wie es dazu kommen konnte, dass eine Familie, die gemäss eigenen Aussagen in ihrer Heimat verfolgt wurde, erneut dorthin geschickt wurde, wo ihr mit grosser Wahrscheinlichkeit neues Unheil droht. Die Behörden begründen ihren Entscheid damit, dass es nicht genügend Beweise für eine Verfolgung gäbe. Auch dies klingt wie der blanke Hohn. Wahrscheinlich bedeutet dies, dass demnächst ein jeder und eine jede sich vor seiner Flucht von seinen Folterknechten ein schriftliches Attest ausstellen lassen muss, welches bezeugt, dass er oder sie verfolgt wurde. Nur ist es äusserst fraglich, ob diese denn auch zu einer solchen Zusammenarbeit bereit wären. Die zuständigen Behörden scheinen sich aber auch hier keine Sorgen zu machen. Wenn es der Familie, doch so gut gelungen ist, sich in der Schweiz zu integrieren, werde ihr das sicherlich auch in Tschetschenien nicht schwerfallen!

Während ich mich ausführlicher mit diesem Fall beschäftigt habe, musste ich mir immer wieder bewusst werden, dass ich gerade keine Erzählung von Orwell oder Kafka lese, sondern mich mit real existierender Schweizer Realität auseinandersetze. Es ist eine Realität, die Sprachlosigkeit, Ohnmacht und Enttäuschung hervorruft, ob all dem Leid, dass hier in Kauf genommen wurde und welches eigentlich hätte verhindert werden können. Es ist Leid, dass unter Umständen nie mehr wiedergutgemacht werden kann. Denn womöglich ist es zu spät, das Geschehene lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Was die Familie in Tschetschenien erwartet, kann niemand voraussagen.

Dieser Fall hat auf eindrückliche Weise gezeigt, dass auch in einen vermeintlich gerechten Staat wie der Schweiz kein hundertprozentiger Schutz vor Menschenrechtsverletzungen besteht. Das Verfahren gegenüber der tschetschenischen Familie ist eines Rechtsstaates unwürdig. Denn ein solcher, sollte eigentlich Möglichkeiten zum Schutz vor behördlicher Willkür bieten und nicht diese erst durchsetzen. Es wird höchste Zeit, dass sich die Schweiz ihrer Ursprünge bewusst wird und die Behörden bei der Entscheidungsfindung auf den Wortlaut der Präambel der Bundesverfassung besinnen, welcher besagt: „gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen.“

 

Weiterführende Links:

 

Die Unterstützungskampagne „Hier zuhause“ verfügt über eine eigene Website. Neben einer ausführlichen Dokumentation des Schicksals der Familie M. und Hintergrundinformationen über Lage in Tschetschenien findet man hier auch Möglichkeiten zur Unterstützung, sowie Updates über die Situation der Familie und das Härtefallgesuch.  http://www.hierzuhause.ch/

Facebookseite „Hier zuhause“

 

Beyond a single human rights case: Another attempt to explain the importance of supporting Raif Badawi, the conscious of his society

A lot of time I have been asked why I take part in the campaign for Raif Badawi considering that there are so many other people in this world that are affected by some sort of injustice just as much as he is. However it is important for me to state that my involvement has soon gone beyond that point. It is just that Raif Badawi despite being imprisoned has awakened my thoughts and has caused me to read and to speak up, to get aware about human rights issues of today’s world.

But it is difficult for me to explain why it is exactly Raif Badawi that made this happen. That’s mainly because it is a decision which my heart made. It is something like love, but on a higher and more spiritual level. It was just a feeling which said me that I can’t just ignore this; I need to do all which is in my power to help this man.

One possible explanation is the story that I am writing. It’s about Czechoslovakia at the time of communism. While developing it, one of my main characters has become particularly dear to me: Jiří. And in some way I found Jiří in Raif. They have many things in common – so many things that it is almost unbelievable that I had already drafted Jiří when I first read about Raif. And as I am aware about this being the other way round, sometimes when I realize how similar they are, it even scares me. When I talk about their similarities I am thinking about their attitude, their courage, the reaction of the respective government to what they have written or even the style in which their texts are written or their visual aspect. Just that Jiří wasn’t flogged or even had to be afraid of the death penalty.

To stay with the environment of my story – the most important representative of dissent in Czechoslovakia is probably Václav Havel who, too, had to pay a high price for his involvement in human rights issues. He already was politically involved before, discussing politics and such, but his significant engagement about human rights began around 1977 when he and other dissidents drafted the famous petition known as Charta 77. And exactly in these days I have read in his biography that Havel’s involvement too was awakened by a particular case which is even more special than Raif Badawis case, because Raif’s ideas are capable of winning a majority whereas the case here is the one of a minority which has a low reputation even among the more progressive or intellectual people: a music group called “Plastic People of the Universe” whose music resembles more noise than music (Here is a small example) and who lived a hippie-like lifestyle. But he realized that human rights such as freedom of expression should be there for everyone – no matter what they do, how they look like, as long as they are peaceful and don’t harm anyone. And Havel himself had the similar particular feeling through this case as I had it with Raif’s. He wrote about that process: It doesn’t often happen and normally only in moments when only a few calculate with it: somewhere it makes click and an event – thanks to its own preconditions and more or less accidental external circumstances – it suddenly exceeds the borders of its position in the usual banality, breaks through the crust of what it is supposed to be and seemingly also is and uncovers suddenly its innermost, hidden and in some respects symbolic meaning.

In a way that happened when I first read a rather small article about Raif in a newspaper which is available for free in Switzerland which besides this very article is mostly known for scandals and famous people and such.

One of the main reasons which makes his case different from many other cases is the cruelty of his punishment. Ten years of prison itself are horrible and absolutely not correct, but still it is something that happens way too often, which of course it shouldn’t either. But here we have these 1000 lashes which are added to the sentence and that is -considering this amount – nothing else than a death penalty on instalments. And that is where in my opinion definitely a red line is crossed. Because no one – if guilty or not – deserves such a brutal punishment.

In Raif’s case it is even worse because he has done no harm. I recommend to everyone to buy the small but important book with his thoughts as well as the one in which Ensaf Haidar tells the story of her husband and her. Soon also the latter will be available in English. Reading these accounts and thoughts is a really powerful and also touching way to get to know the personality of Raif Badawi as well as his ideas. I am convinced than anyone who is open to read this without any prejudice will soon see that he has done nothing wrong and most of all that he does not deserve to be closed behind thick prison walls and subjected to physical and psychological harm. He should rather be here among us and able to share his precious ideas with the world. Beside that it is also a really interesting insight in the society of his region.

As I already anticipated above the whole thing has soon gone beyond the life of a single man. He stands for many others as well. Or to say it with the words of Elham Manea (spokeswoman of Raif Badawi’s family who describes herself as a writer who stands for a humanistic Islam): He is being punished for being the conscious of his society. He is the one who is able to perceive the developments in his society and had the courage to put these observations and thoughts into words, not knowing that the response to his moderate attempt to create a small space of free reflection would be so harsh. This shows a lot about the status of human rights in a country whose biggest fear appears to be that its citizens could use the internet to debate freely about various issues as this could mean that more of these citizens could achieve consciousness and make their individual thoughts, or in other words that those in power would lose their monopoly of information control and opinion forming.

In a world that faces challenges of various kinds what we need is people like Raif who perceive the interrelations and developments around them and dare to speak up and share their ideas peacefully with the world. Because only like that positive progress is possible.

Now Raif needs the voices of all people in this world who consider human rights more important than profit and other more selfish issues, that are a sign of shortsightedness and unsustainability. Because after all Raif Badawi is being punished for standing for ideals that matter to us as well, they are already as much rooted in our society that we sometimes take for granted that they are respected. But cases such as the one of Raif Badawi, as well as many others, remind us that even in the 21st century it is not always the case that they are respected. This therefore shows us how important it is for us to speak up for these ideals. Now has come the time for us who have the possibility to do so, to stand on the side of the likeminded people who dare to share their points of view despite the risk of persecution. Because after all only together, united as one, we can find solutions bearable for all of us and put to and end the negative tendencies that can be found all over the world and which might in the end affect all of as. Raif Badawi and all other persecuted for being the conscious ones of their societies and after all simply all beings living on this planet deserve that we, too, achieve consciousness.

 

Based on thoughts written down in June 2015

 

Literature

„1000 Lashes: Because I Say What I Think“ by Raif Badawi, edited by Constantin Schreiber

„Raif Badawi: The Voice of Freedom: My Husband, Our Story“ by Ensaf Haidar and Andrea C Hoffmann

Von Flüchtlingen und Vorurteilen

Tag für Tag werde ich mit schlechten Nachrichten konfrontiert, mit Reaktionen und Ereignissen, die bei mir grosses Unverständnis hervorrufen.

Hetze, Hass, Drohungen und Beleidigungen gegenüber Flüchtlingen und denjenigen, die sich auf ihre Seite stellen, sind ein Phänomen, das immer neue Formen annimmt. Die Migrationswelle, wie es sie im Moment gibt, ist für die europäischen Staaten im Moment schwierig zu bewältigen. Das kann bei der Bevölkerung Verlustängste und Befürchtungen auslösen. Das Thema muss also diskutiert werden, diese Befürchtungen nicht einfach tabuisiert und ignoriert werden. Doch dies sollte auf einem konstruktiven Weg getan werden, einem der nicht nur noch mehr Hass und noch mehr Ängste auslöst – egal von welcher Seite. Aber das ist leider bisher viel zu wenig geschehen, die Tendenz ist erst langsam am Kommen. Was mich schockiert, ist, wieviel auf beiden Seiten generalisiert, geflucht und persönlich angegriffen wird. Oft habe ich bemerkt, dass nicht die eigentlichen Argumente diskutiert wurden, sondern die Personen an sich und zwar aufgrund ihres Alters, Geschlechts, Herkunftsorts, der Meinung, der Bildung – jede Menge persönliche Sachen, die ganz bestimmt nicht in eine öffentliche Diskussion im Internet gehören. Die eigentlichen Vorschläge, Gedanken und Argumente werden entweder gar nicht erst gelesen, wahrgenommen oder von Anfang an gewertet und aus einem bestimmten Blickwinkel angeschaut und die Person in eine Schublade gesteckt, in die sie womöglich gar nicht gehört. Und das gilt leider für so ziemlich alle Diskussionsparteien.

Solche Stammtischparolen aller Art sind nichts Neues. Besonders wenn es um das Thema Ausländer und Migration geht. Es sind die Ausmasse, die das Ganze angenommen hat. Bei dieser tickenden Zeitbombe ist es nicht gerade hilfreich, wenn gewisse Medien genau diese stereotypischen Vorstellungen noch verstärken. Zudem gibt es in so ziemlich jedem europäischen Land Politiker, die die Gunst der Stunde wittern, in dieser angespannten Zeit noch mehr Angst schüren mit dem einzigen Ziel, bei den Wahlen gut abzuschneiden. Die Leben anderer Menschen sind ihnen in diesem Zeitpunkt egal, das wichtigste ist der eigene Profit. So erreichen sie viele Menschen, die bereits Befürchtungen hegen. Je mehr Menschen diese zum Ausdruck bringen, umso mehr gewaltbereite Gruppierungen fühlen sich in ihrer Ideologie bestärkt und erhalten so auch Zulauf. Gedankengut, was vorher diesen Gruppen vorenthalten war, wird nun von Menschen aufgegriffen, von denen man so etwas nie erwartet hätte.

In diesen Wochen habe ich mich oft gefragt, was andere Menschen dazu bringt, Menschen zu hassen, die sie nicht einmal kennen, warum gönnt man anderen nicht, dass auch sie ein würdiges Leben führen dürfen? Ich weiss es nicht. Natürlich gibt es mögliche psychische Ursachen. Jeder von uns hat Respekt vor Unbekanntem, da sich dieses für das menschliche Gehirn schlechter einschätzen lässt. Bei manchen ist diese Eigenschaft stärker ausgeprägt, bei anderen weniger stark.

Schlussendlich unterscheidet uns von diesen Menschen doch nur, dass wir das Glück haben, in einem reichen Land zu leben und nicht jeden Tag Angst haben zu müssen, den darauffolgenden nicht mehr zu überleben. Wären diese Menschen in derselben Situation, würden sie wahrscheinlich ähnlich reagieren. Zuhause im Schutze des heimischen Wohnzimmers vor dem Computer lässt sich leicht darüber schreiben, wie man in einer Konfliktsituation reagieren sollte. Mit dieser sicheren Distanz ist schnell einmal ein Satz geschrieben wie „In dieser Situation würde ich in meinem Heimatland bleiben und kämpfen“. Wenn aber dann das eigene Leben in Gefahr ist und hinter jeder Ecke der Tod lauern könnte, sieht die Welt dann doch ganz anders aus.
Diejenigen die es bis zu uns schaffen, haben oft Schreckliches erlebt – Zustände, die wir uns nicht einmal vorstellen können – sind womöglich traumatisiert und möchten nach einer jahrelangen Odyssee endlich wieder ein normales Leben leben. Sie wollen niemanden betrügen, oder auf unseren Kosten leben. Was sie wollen, ist ein geregeltes Leben – wie wir alle. Viele dieser Menschen wollen arbeiten, wollen Europa etwas zurückgeben, dafür dass man ihnen in dieser schwierigen Zeit Unterschlupf gewährt. Manche von ihnen sind gut ausgebildet, andere weniger, da sie diese Möglichkeit in ihrem Heimatland nicht hatten. In ihnen stecken aber womöglich noch viele verborgene Talente, die uns allen helfen könnten. Ja, vielleicht müssen sie manchmal von Sozialhilfe leben, aber nicht unbedingt, weil sie sich verweigern oder ein schönes Leben haben wollen, ohne etwas dafür zu tun, sondern weil es ihnen einfach nicht möglich ist, eine Stelle zu finden. Das liegt daran, dass Vorurteile wahrscheinlich auch zu den Auswahlkriterien der Arbeitgeber gehören, und zwar nicht nur ihre eigenen Vorurteile, sondern vor allem auch diejenigen der Kunden. Würde man aber auch Geflüchtete in den Arbeitsmarkt einbeziehen, würden diese nicht nur bei der Arbeit etwas bewirken, sie würden auch Steuern zahlen und auf die Dauer unsere Sozialversicherungen sanieren. Darauf sind die westlichen Staaten dringend angewiesen. In allen westlichen Staaten (mit Ausnahme der USA – Einwanderung sei Dank) ist die Bevölkerungszahl rückläufig. Aufgrund unserer wirtschaftlichen und sozialen Lage sterben heute schon mehr Menschen, als Kinder geboren werden. Diese Tendenz wird in der Zukunft noch steigen. Da sind junge arbeitswillige Menschen etwas Willkommenes.

Beim Lesen der Kommentare ist mir zudem eine absurde Form von Neid entgegengeweht. Neid, der sich bei genauerem Hinsehen in Luft auflöst. Es gibt da so manchen, der gerne Flüchtling wäre, schliesslich erhielten diese doch gewisse Privilegien. Doch man muss sich nur einen kurzen Augenblick Zeit nehmen und sich vorstellen, was es bedeutet, Flüchtling zu sein. Ist es etwa ein Privileg, wenn man Gewalt und eine lebensgefährliche Flucht erlebt hat – Erfahrungen die überall ihre Spuren hinterlassen haben? Ist es ein Privileg, wenn man unfreiwillig von seinen Liebsten getrennt wurde sei es durch den Tod oder die Distanz. Ist es ein Privileg, wenn man die ganzen Ersparnisse der Familie zusammengekratzt hat um vor Gewalt, Unfreiheit, Diskriminierung und Perspektivlosigkeit zu entfliehen und nun im vermeintlichen Paradies Europa erneut auf Hass und Ablehnung stösst? Ist es ein Privileg, wenn einem überall das Gefühl gegeben wirf, man könne nirgends mehr ein würdiges Leben führen, weil man hier nicht auf einen gewartet hat und es kein Zurück mehr gibt? Ist es ein Privileg, wenn die Zustände im Heimatland so prekär sind, dass man in ein fernes Land fliehen muss, dessen Sprache man nicht spricht und von dessen Kultur man nur eine vage Vorstellung hat? Ist es ein Privileg wenn man bei jeder Bewegung, jedem Wort Angst haben muss, dass diese von den Einheimischen als Provokation oder Beleidung aufgefasst werden könnte, bloss weil das hier nicht so üblich ist und man das nicht im Voraus wissen kann? Ist es ein Privileg, wenn man vor Islamisten geflüchtet ist, um dann mit ebendiesen gleichgesetzt zu werden, nur weil man selbst ein friedliebender praktizierender Muslim ist? Diese Auflistung könnte noch eine Ewigkeit so weitergehen.

Besonders diesen letzten Vergleich musste ich leider schon oft genug sehen. Verzweifelte unschuldige Menschen pauschal mit denjenigen gleichzusetzen, die ihnen in ihrer Heimat mit ihren Gräueltaten das Leben unmöglich gemacht haben – das kann an keinem, der einen gesunden Menschenverstand hat, einfach so vorbeigehen.

Natürlich müssen wir aufpassen, dass wir nicht den gleichen Fehler wie die „besorgten Bürger“machen. Auch wir dürfen die Flüchtlinge nicht als homogenes Gefüge wahrnehmen. Es ist gut möglich, dass sich in dieser Masse auch Menschen einschleichen, die unser Vertrauen tatsächlich ausnutzen, die kriminelle Hintergedanken haben. Die Gruppe der Flüchtlinge beinhaltet, gleich wie die ganze Menschheit, Personen mit verschiedenstem Verhalten und unterschiedlichsten Hintergründen.

Von einem Menschen, einer schlechten Erfahrung, die man unter Umständen nicht einmal selbst gemacht hat, auf alle zu schliessen, ist falsch. In jedem Flüchtling einen Kriminellen oder einen Terroristen zu sehen, ist eine unrealistische Angst. Es geht ja auch nicht jeder in die Stadt und befürchtet hinter jedem Menschen einen Mörder. Einen gewissen Respekt zu haben, zu hinterfragen, ist eine hilfreiche Sache, aber sich von seinen Ängsten leiten zu lassen, bringt niemandem etwas.

Es ist nicht immer alles schwarz oder alles weiss. Dies gilt insbesondere auch für die Asylgegner. Auch hier wäre es schlichtweg zu einfach, sich diese als eine homogene Masse vorzustellen. Dort gibt es nicht nur Menschen mit rechtsextremen Gedanken, die im Namen der Meinungsfreiheit Hassparolen herumschleudern. Es gibt das ganze Spektrum: von Gewaltbereitschaft die an die Dreissigerjahre des letzten Jahrhunderts erinnert bis zu nachvollziehbaren Ängsten. Deshalb ist es wichtig, diese Menschen nicht kategorisch als dumme Neonazis abzustempeln. Gewaltakte, Hasskommentare und ähnliches, worüber anderswo schon genug berichtet wurde, sind zu verurteilen. Doch was ist mit all den anderen Menschen, die auch nur friedlich ihre Meinung ausgedrückt haben? Sollte man nicht mit ihnen Kontakt treten, herauszufinden versuchen, woran das liegt, dass diese Menschen solche Meinungen vertreten? Es kann sicherlich nicht schaden, sich auch einmal in die Situation dieser Menschen hineinzuversetzen. Denn selbst wenn man weiss, dass gewisse Fakten viele der Vorwürfe oder Befürchtungen, die da tagtäglich ausgesprochen werden, in Luft auflösen lassen oder wenigstens mindern können, ist es trotzdem wichtig, herauszufinden was so eine Haltung ausgelöst hat. Vielleicht steckt auch hinter der kategorischen Ablehnung von allem Fremden eine persönliche traumatische Erfahrung, oder gewisse historische oder gesellschaftliche Hintergründe sorgen dafür, dass diese Person die gleiche Situation ganz anders auffasst. Verständnis kann in diesem Fall entscheidend sein, auch wenn das je nach dem viel abverlangt. Aber es könnte ein entscheidender Schritt aus diesem Teufelskreis sein. Wer ständig gesagt bekommt, er sei ein Nazi oder ein Idiot, fühlt sich dann von der Öffentlichkeit, den Medien und der Politik noch mehr verstossen, was dann gewisse Stimmungsmacher gnadenlos ausnutzen.

In der angespannten Lage, wie sie nun in Europa herrscht, wäre es also für alle Beteiligten und Unbeteiligten wichtig, sich in die jeweils andere Seite hineinzuversetzen. Vorurteile, Hass und Gewalt – auf welcher Seite auch immer – helfen niemandem etwas. Sie rufen nur noch mehr Vorurteile, noch mehr Hass und noch mehr Gewalt hervor. So eine Negativspirale darf nicht die Lösung sein. Wir haben auch keine Zeit für solche sinnlosen Streitereien.

Denn während wir uns gegenseitig darüber unterhalten welch utopische Gutmenschen und xenophobe Neofaschisten (und noch viel Schlimmeres, das nicht noch einmal wiederholt werden sollte) wir sind, uns gegenseitig vorwerfen, wir würden nicht richtig mit dieser Situation umgehen, sich Politiker Europas gegenseitig mit absurden Lösungsvorschlägen übertrumpfen, virtuelle Flüchtlingszahlen von Land zu Land herumgeschoben werden, um herauszufinden, wo man diese am besten unterbringen kann, ändert sich in den Herkunftsländern der Flüchtlinge nichts, die Zustände werden auch in Zukunft unerträglich sein, die Welle der Verzweifelten wird nicht enden. Sie wird auch nicht enden wenn wir die Grenze zumauern. Die Grenzen zu schliessen würde nichts anderes bedeuten als die Augen zu schliessen. Irgendwann würde uns die Realität da draussen dann doch wieder mit voller Wuchteinholen.

Wie viele Menschen müssen denn noch sterben, bis wir endlich realisieren, um was es wirklich geht und uns endlich auf die Ursachen dieser Flüchtlingskrise konzentrieren? In der Aussenpolitik bedeutet dies zum Beispiel, dass man von den kurzfristigen wirtschaftlichen Vorteilen, deren Nachteile uns alle irgendeinmal einholen, absehen sollte (das heisst keine Waffen in Diktaturen exportieren oder nicht länger über den katastrophalen Menschenrechtsstatus gewisser Länder hinwegschauen, weil diese Rohstoffe liefern). Stattdessen wäre es wichtig, auf Stabilität zu setzen mit dem Ziel, längerfristig für Prosperität und Frieden in diesen Ländern zu sorgen. Wenn dies gewährleistet ist, gibt es auch keinen Grund mehr zu fliehen und weniger Menschen würden nach Europa kommen. Das sollte das oberste Ziel der Aussenpolitik sein, denn es ist vollkommen klar, dass Europa nicht die ganze Bevölkerung Arabiens und Afrikas aufnehmen kann.

Doch damit ist die Aufgabe nicht beendet. Auch in Europa sollte das Ziel sein, Ängste zu entkräften. Auch hier sollte das Ziel eine Gesellschaft sein, in welcher das soziale und politische Leben nicht auf Negativität sondern auf Positivität gegründet ist, eine Gesellschaft, in welcher es allen Menschen möglich ist, ein würdevolles Leben zu ermöglichen – egal welche Meinung, Herkunft, Religion oder Geschlecht diese Menschen haben. So mancher wird nun sagen, das sei ein schöner Traum, die Realität sehe nun mal aber leider anders aus. Aber davon sollten wir uns nicht abschrecken lassen. Nur weil das bis jetzt so nicht funktioniert hat, heisst das noch lange nicht, dass das auch für die Zukunft gilt. Sich ein Ziel zu setzen bedeutet zudem nicht zwingend, dass man dies zu 100% erreichen muss, doch das Handeln sollte darauf ausgerichtet sein, dieser Vorstellung so nahe zu kommen, wie es die Umstände möglich machen. In diesem Fall ist das kein einfacher Weg, weil eine menschliche Gesellschaft ein komplexes System ist, dass aus vielen einzelnen Personen und Gruppen besteht, die alle unterschiedliche Ansichten und Bedürfnisse haben. Und deswegen sind wir nun alle als Einzelpersonen gefragt, einen Schritt in die richtige Richtung zu tun. So ist es wichtig, dass wir unsere Vorurteile und Ängste überwinden, auf die anderen Menschen zugehen, sie in unsere Gesellschaft einbeziehen, ihre Sorgen ernstnehmen und sie nicht irgendwelche Parallelgesellschaften ausschliessen, in denen sie sich dann immer mehr von den Idealen, die uns allen am Herzen liegen, wegbewegen. Nur so können die Worte Václav Havels, mit denen ich diesen Text nun beenden werde, auch einmal Wirklichkeit werden.

„Pravda a láska musí zvítězit nad lží a nenávistí“ – „Wahrheit und Liebe müssen siegen über Lügen und Hass“