Warum es wichtig ist, sich für Raif Badawi einzusetzen

Jeden Tag sterben in den Kriegsgebieten hunderte Menschen. Viele weitere werden tagtäglich gefoltert, misshandelt oder sitzen hinter Gittern, weil sie auf ihr Recht auf freie Meinungsäusserung bestanden haben. Warum sollte man angesichts dieser Situation sich ausgerechnet auf Raif Badawi konzentrieren und sich für dessen Freilassung einsetzen. Gibt es nicht Wichtigeres, dass es auf dieser Welt zu lösen gilt?

Seit Wochen beschäftige ich mich mit Raif Badawis Fall und versuche nun Antworten auf diese Fragen zu finden.

In den vergangenen Wochen habe ich öfters zu hören bekommen, dass sich die Frage stellt, warum man sich so für die Freilassung eines Einzelnen bemüht, während doch in Syrien und anderswo jeden Tag dutzende unschuldige Menschen sterben und in China, Nordkorea und anderswo Menschenrechtsverletzungen genauso an der Tagesordnung stehen. Dabei geht es längst nicht nur mehr um das Leben dieses einzelnen Mannes. Raif Badawi ist zum Symbol für die Meinungsfreiheit geworden. Schliesslich hat er bloss das System kritisiert, in dem er lebt. Er hat dies auf eine friedliche und gewaltlose Art getan, in dem er auf dem Internet ein Diskussionsforum gegründet hat. Umso härter fiel die Reaktion der saudischen Justiz aus, die durch diese zum Symbol der Willkür geworden ist.

Raif Badawis Fall hat vielen Menschen im Westen die Augen geöffnet. Nicht allen war bewusst, dass es sich bei dem strategischen Verbündeten der USA und des Westens um eine Diktatur handelt, die keinerlei Kritik am System, keine Forderungen für mehr Demokratisierung und erst recht keine andere Auslegung des Islams als die ihrige duldet. Manche, mit denen ich gesprochen habe, haben gedacht, Saudi Arabien habe eine ähnliche Rechtsordnung wie die Staaten in Europa. In Wirklichkeit herrscht in diesem Land aber eine der striktesten Interpretationen der Scharia. Bestrafungsmethoden wie Enthauptungen oder Auspeitschungen gehören hier zur Tagesordnung. In diesem Zusammenhang hat Raif Badawis Fall tatsächlich einiges bewirkt. Dank der Aufmerksamkeit, die seinem Schicksal bisher gewidmet wurde, hat die westliche Öffentlichkeit auch von der allgemeinen Menschenrechtslage in Saudi Arabien erfahren. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass Raif Badawi bei weitem nicht alleine ist. Manche Organisationen sprechen von Tausenden von politischen Gefangenen allein in Saudi Arabien. Dazu kommen noch diejenigen aus den benachbarten Ländern. Doch wie soll man sich für die Freilassung von Menschen einsetzen, deren Namen man nicht einmal kennt? Es braucht immer Fälle, die symbolisch für alle anderen stehen. Das war bei Nelson Mandela in Südafrika so und genauso war es auch bei Václav Havel in der Tschechoslowakei. Auch sie waren nicht die Einzigen. In diesem Fall ist es Raif Badawi, der diese Rolle zugeteilt bekommen hat.

Die Menschenrechtslage in Saudi Arabien zu kritisieren bedeutet noch lange nicht, dass man mit allen Vorgängen in der Heimat einverstanden ist. Das Recht auf freie Meinungsäusserung bedeutet beispielsweise noch lange nicht, dass man seine Umgebung nach freiem Belieben beschimpfen darf. Aber das ist schon wieder ganz eine andere Geschichte. Sich für die Freilassung Raif Badawis und anderen Gewissensgefangenen in Saudi Arabien einzusetzen beruht auch nicht auf dem Hass gegenüber dem Islam oder anderen Religionen. Wer so mit seinen Kritikern umgeht, ruft unausweichlich Widerstand hervor, denn diese Bestrafungsmethoden erinnern an vergangene Zeiten, die wir hier in Europa längst hinter uns gelassen haben. Umso schrecklicher ist es zu hören, dass sie anderswo noch zur Tagesordnung gehören. Das hat nichts mit dem Islam an sich zu tun, das wäre in jedem anderen Fall auch so. Keine Religion, keine Ideologie, auch kein anderer Beweggrund rechtfertigt solche Menschenrechtsverletzungen. Jeder sollte glauben dürfen an was auch immer er will, solange er deswegen keinem anderen Menschen Gewalt antut.

Ein weiteres Argument, das auch von Politikern häufig gebraucht wird, die von einer Intervention im Fall Raif Badawi abraten, ist, dass es wichtig sei in einer Zeit, in der es so viele Konflikte im Nahen Osten gibt, Saudi Arabien als strategischen Verbündeten zu behalten, schliesslich handle es sich hiermit um ein vergleichsmässig stabiles Land und der Fall Raif Badawi sei ein zu kleiner Störfaktor, um diese guten Beziehungen zu riskieren. Meiner Meinung nach sollte man nicht länger wegschauen, was die Menschenrechtsverletzungen in den arabischen Ländern betrifft. Das wäre nicht das erste Mal in der Geschichte, dass man zu lange weggesehen hätte. Schliesslich betrifft es nicht nur Raif Badawi alleine, sondern auch tausende weitere Gewissensgefangenen allein in Saudi Arabien, sowie diejenigen in den Nachbarländern. Und da wären da noch die Frauen, die in Saudi Arabien gnadenlos unterdrückt werden. Sollte man dies wirklich weiterhin einfach ignorieren, fröhlich weiter Waffen dorthin exportieren? Man sollte auch nicht vergessen, dass dieser strategisch so wichtige Verbündete im Kampf gegen den Terror ideologisch gesehen doch so einige Gemeinsamkeiten mit dem Islamischen Staat hat. Und die neuen Gesetze, deren eigentlicher Zweck die Verhinderung von Terrorverbrechen wäre, werden in erster Hand dazu verwendet Regimekritiker zum Schweigen zu bringen.

Daraus lässt sich schliessen, dass es auch in Zukunft wichtig ist, sich für Raif Badawi einzusetzen. Denn dieser saudische Blogger steht für weitaus mehr als für sein persönliches Schicksal. Er steht für die Meinungsfreiheit und für viele andere unrechtmässig verfolgte Menschen auf dieser Welt. Wer weiter zusieht, wie in Saudi Arabien Unrecht geschieht, macht sich selbst zum Komplizen dieses Regimes. Sich für Raif Badawi einzusetzen bedeutet aber auch sich für ebendiese verfolgten Menschen überall auf der Welt genauso zu engagieren. Alle Menschen dieser Welt, die in Gefahr sind, auf einmal zu retten ist ein Ding der Unmöglichkeit. Man muss aber irgendwo beginnen. Und Raif Badawi ist ein guter Anfang.

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